Neil Young - A Letter Home - Cover
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Neil Young A Letter Home


  • Label: Reprise/WEA
  • Laufzeit: 40 Minuten
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4/10 Unsere Wertung Legende
6.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Es rauscht, knackt, leiert, stockt und rumpelt. Aber der CD-Player ist gar nicht kaputt. Da heißt es tapfer sein.

Neil Young ist nicht nur als Sound-Fetischist bekannt, sondern auch als Musiker, der keine Experimente scheut und sich damit zur Not auch gegen den Willen einer Plattenfirma durchsetzt. Bei Geffen Records bekommt man deshalb vielleicht auch noch heute Bauchschmerzen, wenn die Verantwortlichen an Neil Youngs fünf Alben umfassende Schaffensperiode zwischen 1982 und 1987 denken, die auf dem Label von Business-Mogul David Geffen stattfand und gemeinhin als künstlerisch schwach und kommerziell als Flop eingestuft wird. David Geffen wie auch nicht wenige Fans fühlten sich jedenfalls von dem, was der Meister auf Alben wie „Trans“ (1982) oder „Everybody‘s Rockin‘“ (1983) auf den Markt brachte, gelinde gesagt veräppelt.

Fast drei Dekaden nach dem unrühmlichen Ende der Geffen-Ära, hat Neil Young mal wieder die Experimentierlust gepackt. Auslöser war kein Geringerer als der Musiker, Produzent und Label-Betreiber Jack White (The White Stripes, The Raconteurs, The Dead Weather), der im Besitz einer merkwürdig anmutenden, Telefonzellen-artigen Mini-Aufnahmekabine namens „Voice-O-Graph“ aus den 40er Jahren ist, auf die Neil Young bei einem Besuch Whites im Jahr 2013 aufmerksam wurde. Ein Voice-O-Graph ist quasi das musikalische Gegenstück zur Fotokabine, wie man sie in Einkaufszentren und Bahnhofshallen findet: Eine kleine Box, in der man seine eigene Stimme oder auch Musik aufzeichnen lassen kann.

Neil Young setzte sich in den Kopf, sein neues Album über Jack Whites Voice-O-Graph einzuspielen. Konzeptionell wurden dazu ausschließlich Coverversionen herangezogen. Dabei handelt es sich zumeist um Songs, zu denen Neil Young seit frühester Jugend eine Beziehung hat und die ursprünglich nur als Vinyl-Veröffentlichung auf dem „Third Man Records“-Label von Jack White vorgesehen waren. Eben Neil Youngs persönlicher „Letter Home“. Es werden aber auch Stücke aus der jüngeren Vergangenheit von Willie Nelson, Bob Dylan und Bruce Springsteen gecovert.

Nach Third Man Records wertet nun auch die Plattenfirma Neil Youngs das Werk aus. Aber Obacht bitte! Denn so, wie heutzutage wohl jedes Smartphone bessere Fotos macht als eine Fotokabine, so ist auch der Sound des Voice-O-Graph wie aus einer anderen Welt und nichts für Klangpuristen. Das ist bereits nach wenigen Sekunden klar, wenn nach einem bizarr anmutenden Intro, in dem Neil Young über den Voice-O-Graph mit seinen Eltern im Jenseits telefoniert, eine schrullige Songsammlung ihren Lauf nimmt, die in einem dünnen Demo- bzw. Bootleg-Sound-Bett steckt. Wenn überhaupt.

Kein Witz: „A Letter Home“ rauscht, knackt, leiert, stockt und rumpelt – und genau das ist das Konzept des Albums! Neil Young covert u.a. unkaputtbare Kultsongs wie „Crazy“ und „On the road again“ von Willie Nelson, „Reason to believe“ von Tim Hardin, „If you could read my mind“ von Gordon Lightfoot und „My hometown“ von Bruce Springsteen und klingt dabei wie ein Todesengel aus dem Jenseits. Ja, das ist Kunst, aber auch eine Schnapsidee vor dem Herrn, die sich eventuell als Bonus-CD eines herkömmlichen Studioalbums erklären ließe, als eigenständiges Produkt jedoch einen schweren Stand haben dürfte.

Anspieltipps:

  • Crazy
  • My hometown
  • Reason to believe
  • On the road again
  • If you could read my mind
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