Hundred Waters - The Moon Rang Like A Bell - Cover
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Hundred Waters The Moon Rang Like A Bell


  • Label: Owsla/Rough Trade
  • Laufzeit: 49 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Exzellenter elektronischer Pop zwischen Traum und Realität.

Es gab Diskussionsbedarf in den Musikmedien, als das OWSLA-Label im Spätsommer 2012 Hundred Waters unter Vertrag nahm. Bis heute ist das Quartett zwischen Leuten wie Skream, Birdy Nam Nam und Crookers der einzige Act unter Labelchef Skrillex´ Obhut, der nicht vornehmlich Tanz-Mucke macht. Trotz dieser musikalischen Differenz scheint sich die Band aus Florida aber sehr wohl bei OWSLA zu fühlen, was man dem Album anhört.

Musikalisch sind Hundred Waters nämlich eher bei den Pop-Pionieren um Braids oder Julia Holter einzuordnen. Mit ersteren gingen sie Herbst 2013 auch gemeinsam auf Tour. Beide teilen sich einen sphärischen, verträumten Sound, durchzogen von elektronischer Produktion. Tatsächlich zeichnet sich die Gruppe um Sängerin Nicole Miglis auf ihrem Zweitwerk aber durch einen eingängigeren Sound aus, der sich auch fürs Radio eignet, und gerade im Gesang über weite Strecken in Tradition von Björk steht. Wer bei Braids oder Julia Holter Refrains vermisst, die man schnell mitsingen kann, wird mit diesem Album, so viel lässt sich vorweg verraten, definitiv glücklich.

Nach einem kurzen A-cappella-Intro ertönt „Murmurs“, ein Track, der wie so viele andere auf dem Album, nicht ganz fassbar scheint. Piano-Klänge im Reverb, Zisch-Sounds und gepitchte Vocal-Samples entrücken den Song der Welt, nur um mit Hintergrundgeräuschen, wie einer sich entfernenden Polizeisirene, und Nicoles poppigem Gesang mit einem Bein im Hier und Jetzt zu bleiben. „Cavity“ betreibt ein ähnliches Spiel. Ein tiefes Heulen begleitet den Singsang, der immer wieder abhebt, um sich schließlich doch im Bett aus scheppernden Becken und langgezogenen Keyboardklängen und Bässen niederzulassen. „Out Alee“ hingegen klingt wie der „fantastic morning“, der in den Lyrics beschrieben wird. Kleine Kaskaden plätschern durch den ganzen Track, überdecken die teils gehauchten Texte.

Es ist eine mitreißende Mischung, die hier aufgetischt wird. Am Ende von „Innocent“ ertönt im Rauschen etwas, das in einem chinesischen Supermarkt aufgenommen worden sein könnte, die Polizeisirene in „Murmurs“, die meist durchgängigen Beats erden die Musik von Hundred Waters, versetzen sie in die fassbare Gegenwart. Doch die Melodien sind oft verschwommen, Instrumente und Gesang laufen ineinander über und überlagern sich, formen einen Soundteppich in dem man versinkt. „Broken Blue“ gelingt das sehr gut. Hier hat man sich die Beats gespart, die Gitarren- und Keyboard-Anschläge sind durch einen blubbernden Filter verzerrt. Im Zusammenspiel mit der teils ebenso verzerrten Stimme von Nicole ergibt sich ein melancholisches Werk, das tatsächlich nur vom Folgetrack übertroffen wird.

„Chambers“ fühlt sich an wie das Herz des Albums und ist ohne Frage Hundred Waters' Meisterstück. Die auf- und abwallenden Synthies führen weite Tundren vor Augen, nordische, verlassene Landschaften. Ein einzelner Bass-Schlag bahnt sich seinen Weg durch das Bild, wirkt wie das klopfende Herz der Welt, bis sich der Track in einem Glitzern und Gitarrenspiel in Wohlgefallen auflöst. Der Rhythmus von „Down From The Rafters“ holt den Hörer zurück in die Realität, klingt auf seine ganz eigene Art wie eine Hymne an das Leben, auch mit seinen Schattenseiten.

Hundred Waters liefern mit „The Moon Rang Like A Bell“ ein vielseitiges und immersives Zweitwerk ab, das mit fantastischer Produktion und dem Spiel mit Gefühlen und Wahrnehmung glänzt.

Anspieltipps:

  • Out Alee
  • Innocent
  • Chambers (Passing Train)
  • Down From The Rafters

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