Jolie Holland - Wine Dark Sea - Cover
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Jolie Holland Wine Dark Sea


  • Label: Anti Records
  • Laufzeit: 55 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Jolie Holland packt die Stromgitarren aus und singt sich dabei die Seele aus dem Leib!

Jolie Holland hätte es sich nach „Catalpa“ (2003), „Escondida“ (2004) und „Springtime Can Kill You“ (2006) bequem machen, einfach weitere Alben zwischen Folk, Country und Jazz aufnehmen und ihre außergewöhnliche Stimme ins Zentrum stellen können, sie hätte ein Stammpublikum aufgebaut und weiterhin überzeugt. Stattdessen bestritt sie mit „The Living And The Dead“ (2009) und „Pint Of Blood“ (2011) neue Wege, die nun mit „Wine Dark Sea“ wiederum andere Richtungen ins Auge fassen.

Alleine ihrer Stimme wegen muss sich jeder Musikliebhaber mit Jolie Holland auseinandersetzen. Ob Vergleiche mit Billie Holiday, Eilen Jewell oder Nina Nastasia wirklich sinnvoll sind, überlassen wir gerne anderen Fachleuten. Dass sie einige Oktaven beherrscht, sagt noch lange nichts über ihre wunderbaren Tremolos, Phrasierungen und ihre emotionale Kraft aus, die sie über viele ihrer Kollegen und Kolleginnen hinaushebt. Natürlich hat sie einen sehr hohen Wiedererkennungswert, wichtiger jedoch ist, wie sie Herzblut, Leidenschaft und Soul auf ihre Zunge legt. Dabei packt sie all dies auf „Wine Dark Sea“ in ein fuzzendes und Feedback getränktes Stromgitarren-Bad. Bereits der Opener „On And On“ mit grollenden Drum- und Bassgewittern lehrt einen das Fürchten, das jedoch von Hollands umgarnender Stimme polarisiert wird.

Aber es sind nicht nur E-Gitarren-Sounds zu hören, Holland streut auch die das Piano ins Zentrum rückende Midtempo-Ballade („First Sign Of Spring“) zwischen jene säurehaltigen Stücke. Mit manchmal zwei Schlagzeugern und drei oder vier Gitarristen entwirft sie ein weitschweifiges, dennoch überaus homogenes Klangbild, das körperlich im Hörer vibriert und mit Störgeräuschen an den Nerven zehrt und ihn aufwühlt. Bei Titeln wie „Dark Days“ etwa, zerren die Gitarren in Velvet Underground-Manier, es fiepst und quietscht und Holland wütet förmlich, windet sich wie eine Würgeschlange um Körper und Seele.

Entspannung ist schließlich mit „Route 30“ angesagt, einem Titel, der auch auf das relaxte „The Living And The Dead“ gepasst hätte. Mysteriös kommt „I Thought I Was The Moon“ daher, wogegen das Joe-Tex-Cover “The Love You Save” die Emotionsskala rauf und runter klettert, das berühmte Wechselbad der Gefühle, Soul-trifft-Rock-Harmonien! Die ganze Schönheit ihrer Stimme transportiert das versöhnliche „All The Love“, dagegen werden „Saint Dymphna“, „Palm Wine Drunkard“ und „Out On The Wine Dark Sea“ mit tiefgründigen, dunklen, rumpelnden und aufwühlenden Klängen inszeniert, Nick Cave oder Tom Waits hätten es nicht besser hinbekommen.

Zum Finale wird „Waiting For The Sun“ angestimmt, hoffnungsfroh und mit satten bis windschiefen Bläsersätzen, Hollands Stimme flattert, tremoliert und singt sich ein weiteres Mal grandios in unsere Herzen. Jolie Holland zählt längst zu den besten zeitgenössischen Singer/Songwriterinnen, hätte es eines weiteren Beweises bedurft, mit diesem Album hätte sie ihn angetreten. Klasse Leistung!

Anspieltipps:

  • On And On
  • Dark Days
  • Saint Dymphna
  • Out On The Wine Dark Sea

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