Diverse - Greater Lengths: An All Saints Compilation - Cover
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Diverse Greater Lengths: An All Saints Compilation


  • Label: All Saints/Rough Trade
  • Laufzeit: 140 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
6.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Das Ambient-Label All Saints präsentiert eine Werkschau und als Bonus gibt es überarbeitete Stücke der Label-Künstler.

Label-Überblicke werden ja häufig nur als Marketing-Maßnahme veröffentlicht und vereinen relativ unstrukturiert die neuesten Produkte oder vielleicht noch einen Ausblick auf zukünftige Veröffentlichungen. Der Sampler „Greater Lengths“ des All Saints-Labels macht da in zweifacher Hinsicht eine Ausnahme. Zum einen hat die Zusammenstellung der Originale einen gut durchdachten Flow und zum anderen wird noch eine Zugabe in Form von Überarbeitungen von Stücken aus dem Label-Katalog beigelegt.

All Saints ist ein britisches, unabhängiges Label, das sich auf Ambient-Sounds im weiteren Sinne spezialisiert hat. Vielfach sind sphärische, elektronische Klänge zu hören, bei denen das „Kopfkino“ für den Hörer eine große Rolle spielt. Die Töne sollen also vor allem die Vorstellungskraft anregen. Die All Saints-Künstler sind aber nicht dogmatisch an eine bestimmte Form gebunden, sondern verzweigen sich durchaus in Jazz- und World-Music oder auch Songwriter-Gefilde. Diese Ambient-Sounds sind nicht unbedingt mit sinnentleerter, manipulativer New-Age-Musik in einen Topf zu werfen. Die Kompositionen sind, wenn sie gut gemacht sind, durchdacht, in der Regel künstlerisch wertvoll und intelligent-anregend aufgebaut. Die Zusammenstellung bietet ein Füllhorn an außergewöhnlichen, interessanten, manchmal auch anstrengenden Eindrücken, die zum konzentrierten Zuhören animieren und mit neuen Erfahrungen belohnen.

Roger Eno, der Bruder des Ambient-Pioniers und Gründungsmitglied von Roxy Music, Brian Eno, bringt uns das Flair der großen weiten Welt in die Gehörgänge. Sein „Amukidi“ ist eine afrikanische Chor-Aufnahme von erlesener Anmut und Andacht. Harold Budd schafft mit seinem Duett aus Steel-Guitar und Piano wunderschöne Schwingungen, die Weite und Intimität miteinander verbinden. Es erinnert an Filmmusik und führt Entspannung und eine gewisse Schwerelosigkeit herbei. Der schon zitierte Brian Eno präsentiert jetzt tatsächlich einen lupenreinen, zu Herzen gehenden Western Song („The River“). „South Of“ verbindet Orient und Okzident. Geschaffen wurde dieses kulturverbindende Stück von Hans-Joachim Roedelius, ehemaliges Mitglied von Cluster, einem Urgestein des Krautrock. Danach ist nochmal Brian Eno zu hören, so wie man ihn erwartet. Elektronische, spukhafte Traumgebilde mit sich nur allmählich verändernden Strukturen. „Deep Celestial“ von Laraaji schlägt in die gleiche Kerbe und ist so zart vertont wie ein dünner Schleier von Noten. Das gilt auch für „For Her Atoms“ von Misha Mahlin und Lydia Theremin. Die Atmosphäre erinnert an den Soundtrack zu „Gladiator“. Die Umsetzung ist hier aber auf Dauer zu gleichförmig, um nachhaltig zu beeindrucken.

Jetzt beginnt der unbequeme, schwierig zu hörende Teil der Kollektion. Der Ex-Bassist von Led Zeppelin, John Paul Jones, weckt mit einem atonalen Gebläse unsanft und disharmonisch auf. Und nun kommt erneut Brian Eno und er ist schon wieder anders. Ein monotoner Trommel-Rhythmus wird durch Brummen und Piepsen ergänzt. Dann werden noch verfremdete Stimmen eingesetzt. Ganz schön schräg und nervenzerrend. Jon Hassell fordert mit avantgardistischem Jazz mit Funk-Zutaten, der verschoben und quer aufgebaut zu sein scheint, volle Konzentration. Das ist schwer zu verdauen und einzuordnen. Die Band Audio Active ist bekannt aus dem Dub-Reggae-Dunstkreis des Visionärs und Tüftlers Adrian Sherwood. Hier kooperiert sie mit Laraaji und heraus kommt zumindest kein Reggae. Vielmehr klingt es nach einem World-Music-Cocktail mit Spoken-Word-Beigaben. Das ist gewöhnungsbedürftig und durch die gesprochenen Texte zusätzlich anstrengend.

Brian Eno zum vierten Mal. Jetzt zusammen mit dem ehemaligen Public Image Ltd.-Bassisten Jah Wobble. „Spinner“ hat minimalistische Züge und gefällt aufgrund des Gegensatzes von quirliger Rhythmik und meditativen Elementen. Es folgt ein weiterer alter Bekannter: John Cale, Velvet Underground-Gründer und Verfasser etlicher unverzichtbarer Solo-Alben, spendiert mit „The Soul Of Carmen Miranda“ eine wunderbare, verwunschene Ballade. Der Armenier Djivan Gasparyan hat mit seinem Spiel auf der Duduk schon den vorhin erwähnten Soundtrack zu „Gladiator” geprägt. Die Duduk ist ein Blasinstrument, das wie eine Kreuzung aus Klarinette und Oboe klingt. Wie gewohnt, regt sein Spiel zum versunkenen Zuhören an. Auch Roger Eno darf sich ein weiteres Mal präsentieren. Sein „Emberdays“ ist ein feinsinniges Instrumentalstück mit romantischer Ausrichtung. Harold Budd wusste schon am Anfang der Zusammenstellung zu gefallen. Dieses Mal zeigt er, dass er auch fesselnde Vocal-Stücke inszenieren kann. „Saint’s Name Spoken” erinnert durch die eingesetzte Gitarrentechnik an Flamenco, ist aber ein sehr ruhiges Stück. Damit endet diese überlegt aufgebaute Werkschau, die einen Bogen von Meditation bis Avantgarde spannt und deshalb einen guten Überblick über das Genre Ambient liefert, aber wahrscheinlich nur für wenige durchgängig gut hörbar sein kann.

Die neue Generation von Ambient-Musikern stellt sich auf der Bonus-Beilage mit Cover-Versionen etablierter All Saints-Künstler unter der Bezeichnung „Re-Works“ vor. Was zunächst spannend klingt und auf noch mehr feinsinnige, phantasievolle Aufbereitungen hoffen lässt, entpuppt sich als Enttäuschung. Nicht eine einzige Neueinspielung zeigt Tendenzen auf, die Musikform zu erweitern und neue Einflüsse einzubeziehen. Die Stücke pendeln zwischen Minimal-Art, milden Industrial-Geräuschen, sphärischem Space-Sound und elektronischen Dauer-Schleifen mit weißem Rauschen. Die Künstler bestätigen hier das Vorurteil, dass diese Musik häufig eindimensionale, emotionslose Fahrstuhlmusik bietet. Es fehlt eine Öffnung, Erweiterung und Neuorientierung und ein Blick über den Tellerrand, der aus dieser Sackgasse führen könnte.

Die altgedienten Herrschaften machen es manchmal vor, wie sich mit Instinkt und Köpfchen neue musikalische Welten erschließen lassen. Die nachfolgende Generation kann auf dieser Zusammenstellung keine neuen Impulse liefern.

Anspieltipps:

  • Amukidi
  • Afar
  • The River
  • The Soul Of Carmen Miranda
  • Tonight
  • Saint’s Name Spoken

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