Jon Hassell - City: Works Of Fiction - Cover
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Jon Hassell City: Works Of Fiction


  • Label: All Saints/Rough Trade
  • Laufzeit: 202 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
8.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Schwer zu verdauende Kost des Avantgardemusikers Jon Hassell. Diese Wiederveröffentlichung von 1990 wurde quantitativ ordentlich aufgewertet.

Der Name Jon Hassell dürfte nur wenigen eingeweihten Musikliebhabern, die sich auch als Grenzgänger zwischen ernster und Unterhaltungsmusik verstehen, bekannt vorkommen. Grundsätzlich zählt Hassell bei dieser Unterteilung eher zur E-Musik. Er hat beim Kölner Avantgardisten Karl-Heinz Stockhausen studiert und wirkte z.B. beim Minimal-Art-Standard-Werk „In C“ von Terry Riley mit. Aufmerksamen Pop-Hörern kann der Musiker aber auch bei Aufnahmen von David Sylvian, Ry Cooder, den Talking Heads oder sogar Jackson Browne als Trompeter aufgefallen sein.

„City: Works Of Fiction“ ist ein wiederveröffentlichtes Projekt von 1990. Jetzt zusätzlich mit einem Live-Konzert aus 1989 und einer Beilage mit diversen Outtakes, Demos und Neuinterpretationen zeitgenössischer Musiker wie patten, 808 State, No UFOs, Shaped Time oder Some Truths versehen.

Gute Unterhaltung hat nicht unbedingt etwas mit Eingängigkeit, einfachen Strukturen und sofortiger Nachvollziehbarkeit zu tun. Auch (oder gerade) komplexe Ausrichtungen können unter Umständen viel langfristiger für anregenden Hörgenuss sorgen. Dies ist auch keine Geschmacksfrage, wie oft und gerne behauptet wird, denn Geschmack kann man lernen, trainieren und entwickeln. Es ist eher eine Frage der Sender-Empfänger-Beziehung, die hierbei eine Rolle spielt. Welche Frequenzen sendet der Musiker aus und wie werden sie beim Hörer wahrgenommen? Etliche Konsumenten sind so konditioniert, dass sie eine bestimmte Erwartungshaltung haben, die sofort getroffen werden muss, damit weiter zugehört wird. Alles, was davon abweicht, wird als störend empfunden und abgelehnt. Eine Auseinandersetzung findet dann nicht unbedingt statt.

Jon Hassell gehört demnach sicher zu den Musikern, die es niemandem leicht machen, denn seine gesendeten Emotionen können nur schwer dekodiert werden. Er reißt konsequent Hörgewohnheiten ein, stellt sie in Frage oder definiert sie neu. Das ist Avantgarde in Reinkultur. Finden sich als Basis meistens Loops, die dezent untermalen oder deutlich hervorstechen, so wirken die Kompositionen insgesamt häufig wie Collagen. Es werden Sprech-Szenen, Samples und füllende Akkorde einbezogen, die je nach Einsatz die Bewegung der Komposition beeinflussen. Die entstehenden Ausdrucksformen können als (Alb)Traumsequenzen, weltmusikalische Verfremdungen, experimentelle, fiktive Soundtrack-Beiträge oder futuristische Klang-Spielereien empfunden werden. Das Gehörte ist was ganz Spezielles und fällt definitiv nicht unter Easy Listening. Entsprechend fordert die Musik eine intensive, langfristige Auseinandersetzung, um überhaupt abschließend beurteilt werden zu können. Für den Rezensenten war das eine nicht unbedingt in der zur Verfügung stehenden Zeit lösbare Aufgabe. Diese Tonfolgen muss man sich erarbeiten und dabei auch den richtigen Zeitpunkt finden, in dem sie sich entfalten können. Jon Hassell hat bei den oben aufgeführten Pop-Aufnahmen einen individuellen Fingerabdruck hinterlassen und sich auch als Ideengeber für David Byrnes & Brian Enos „My Life In The Bush Of Ghosts“ einen hervorragenden Namen gemacht. Aber dieses monumentale Werk kann den an Pop- und Rock-Strukturen gewöhnten Hörer komplett überfordern. Selbst wenn er aufgeschlossen gegenüber herausfordernden Mustern ist.

Wer aber mit improvisierter Musik etwas anfangen kann, Jazz- oder Minimal-Art-Fan ist, der findet hier ein reiches Feld von abenteuerlichen Klängen, die es zu entdecken und erforschen gilt. Hassell veröffentlicht unter dem All-Saints-Label. Interessierte sollten sich als Erweiterung und für zusätzliche Anregungen auch das grade frisch veröffentlichte Label-Portrait „Greater Lengths“ anhören.

Anspieltipps:

  • Mombasa
  • Aerial View
  • Ba-Ya Dub

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