Equilibrium - Erdentempel - Cover
Große Ansicht

Equilibrium Erdentempel


  • Label: Nuclear Blast/WEA
  • Laufzeit: 57 Minuten
Artikel teilen:
7/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Hintergrundbeschallung für MMORPGs und den metallischen Ballermann. Bombastischer denn je – aber auch sehr viel glatter.

Eine komplizierte Zeit für die Bayern von Equilibrium. Über die Jahre hat sich das Line-up-Karussell wohl so schnell gedreht, dass am Ende nur noch der Chefdenker René Berthiaume als Gründungsmitglied übrig geblieben ist. Andreas und Sandra Völkl verabschieden sich, die beliebte Frontsau Helge Stang dagegen macht zumindest mit der israelischen Folk-Kombo Arafel weiter. Und Equilibrium? Nun, Berthiaume kümmert sich anscheinend aufopferungsvoll um sein Baby und begleitet es allmählich ins Kleinkindalter. Dadurch klingt „Erdentempel“ zwar nicht so hart wie einstiges Material der Pagan Metaler, dafür aber unglaublich bombastisch und so rund, dass böse Zungen schnell dazu tendieren, es als überproduziert zu bezeichnen. Wer bisher etwas mit Equilibrium anfangen konnte, wird dennoch weiterhin blind zuschlagen können. Der gar nicht mal so neue Sänger Robert „Robse“ Dahn wird das genauso wenig ändern, wie die Tatsache, dass die Band schon längst kein Special Interest mehr ist und abermals einen beachtlichen Charteinstieg erreichen wird.

Mehr denn je setzen Equilibrium auf fröhliche Sauf- und Mitmachlieder. Die Volxmusik-Nummer und Single „Wirtshaus Gaudi“ - vielleicht ein Versuch, den Erfolg der großen Band-Hymne „Met“ zu wiederholen, würde jedenfalls am Ballermann eine gute Figur machen, animiert zum Grölen und ist streng genommen das, was einem wahrhaft deutschen Folk-Metal-Song am nächsten kommt. Wenn Brasilianer zum Beispiel in ihre Panflöten pusten, der Finne Joik und Humppa einbaut, dann darf der Deutsche dem Musikantenstadl passende metallische Klänge beisteuern - schon alleine, wenn Schlager und Volksmusik langsam aber sicher im Mainstream wieder Fuß fassen können. Ähnliches gilt für „Uns'rer Flöten Klang“, das mit einem banalen Text die niederen Instinkte eines jeden Mittelalter-Larpers weckt, aber ein so phänomenaler Ohrwurm ist, dass man der Band auf Knien dafür danken möchte. Fans sollten in zwei Lager gespalten werden und wer sich jemals auf Festivalwiesen umgeschaut hat, der weiß, dass sich der metallische Mainstream langsam aber sicher in Richtung Folk-, Viking- und Pirate-Metal verlagert. Equilibrium wissen das und bedienen das Zielpublikum passend, aber ungemein wirkungsvoll.

Was damals mit dem Debüt „Turis Fratyr“ (2005) begann, fand nach und nach seine logische Konsequenz und bei „Erdentempel“ nun den Zenit. Aus einer kernigen Viking- und Pagan-Metal-Band wurde eine Kapelle, welche nun die Rolle des Alpha-Männchens im Sektor des deutschen Symphonic Metals annehmen kann. Songs wie „Was lange währt“, „Stein meiner Ahnen“, der erstmals komplett auf Englisch eingesungene Rausschmeißer „The Unknown Episode“, die düstere Hymne „Apokalypse“ oder das bereits im Jahre veröffentlichte (und immer noch außerordentlich gute) „Waldschrein“ sind bis zum Rand mit süßlichen Flötenklängen und orchestralem Pomp vollgestopft. „Karawane“ nutzt den orientalischen Einschlag als Alibifunktion, wenn es um eine vermeintliche Weiterentwicklung gehen soll, bringt allerdings Abwechslung. „Wellengang“ ist Hochsee-Metal für Menschen, die gerne mit Captain Jack Sparrow auf Kaperfahrt gehen wollen, letzten Endes dann doch nur mit dem klapprigen Santiano-Kahn auf einer Sandbank herumdümpeln. „Küstennebel in jedermanns Tee“ singen Equilibrium und besser lässt sich gar nicht ausdrücken, was diese Band mit ihrem vierten Album bieten will. Wer den Shanty 2.0 verfallen ist und ein Südsee-Spektakel wie „Die Affeninsel“ („Rekreatur“, 2010) mochte, wird hier vielleicht weniger smart, aber immerhin genauso wirkungsvoll bedient.

Wirklich kreativ und verblüffend ist dann „Heavy Chill“, eine Bombast-Nummer, welche auf einen Schlag extrem krude wird, wenn der cleane und aus dem Ei gepellte Hintergrundgesang einsetzt und besonders dann, wenn Equilibrium einen Flirt mit Reggae (!) eingehen. Plastik-Fanfaren der Marke Pet Shop Boys oder Freedom Call machen gegen Ende nochmal alles klar. Das Experiment funktioniert tatsächlich gut. Dadurch bekommt „Erdentempel“ einige wenige Ecken und Kanten und beweist erneut, dass die Bayern nach wie vor Genregrenzen ohne große Notwendigkeit überwinden können. Längst haben die Musiker aber ihre beschlagenen Lederrüstungen gegen Edelgewänder ausgetauscht und wissen mehr denn je, wie man so richtig schön klotzt. Für einige wird das vielleicht zu viel Zuckerguss sein, aber wer auf einen sehr symphonischen Folk- und Pagan-Metal steht, wird „Erdentempel“ als den Hit ansehen, den Equilibrium ihren Hörern geben wollten. Hier entführen sie nicht in eine unbarmherzige, blutige Mittelalter- und Fantasywelt, sondern bieten romantische Skyrim-Panoramen. Aber das kann ja auch ganz schön sein. Reihenhaus-Wikinger greifen zu und holen sich direkt noch 'n Kasten, damit das Erlebnis perfekt ist.

Anspieltipps:

  • Waldschrein
  • Uns'rer Flöten Klang
  • Heavy Chill
  • Wirtshaus Gaudi
  • Wellengang
  • Apokalypse

Neue Kritiken im Genre „Pagan Metal“
8.5/10

Where Greater Men Have Fallen
  • 2014    
Diskutiere über „Equilibrium“
comments powered by Disqus