In Flames - Siren Charms - Cover
Große Ansicht

In Flames Siren Charms


  • Label: Epic/Sony Music
  • Laufzeit: 45 Minuten
Artikel teilen:
6.5/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Beerdigung von In Flames als Melodic-Death-Metal-Aushängeschild.

Als Band eine treue Fanbase zu haben, ist in etwa gleichbedeutend mit einer Pensionsversicherung, denn wenn man sich gänzlich anderen Dingen widmen will oder muss, so reicht es meist, nur ein paar Kleinigkeiten am bestehenden Rezept zu ändern und anschließend die ergebenen Anhänger mit Special Limited Collectors Editions zur Kasse zu bitten, selbst wenn die Produktionszeit für ein vollständiges Werk von drei Monaten auf sechs Wochen verkürzt wurde. Schließlich ist Zeit bekanntlich Geld und der große Reibach ist heutzutage sowieso „on the road“ zu machen. Dort muss das neue Material ja nicht unbedingt gespielt werden, wenn es nicht so gut ankommt wie das Zeug von vor fast 20 Jahren.

Ja, die Rede ist von In Flames und nein, so einfach ist es mit dem mittlerweile elften Album der Melodic-Death-Metal-Pioniere dann doch wieder nicht. Sicherlich stößt „Siren Charms“ wie keine andere Platte zuvor die Fans vor den Kopf und stagniert sowohl künstlerisch, als auch Innovationen betreffend auf teilweise erschreckende Art und Weise, aber wie schon der griechische Philosoph Heraklit richtig erkannte - „Panta rhei!“ Jetzt muss dies nicht unbedingt im Umkehrschluss bedeuten, das eine Band wie In Flames sich nur im Fluss befindet und atmen kann, in dem sie sich ständig weiterentwickelt und nach fast 25 Jahren im Musikgeschäft sämtliche Trademarks über Bord wirft bzw. werfen muss, allerdings sollten sich die ganzen Verfechter der „The Jester Race“-Ära oder des „Reroute To Remain“-Wandels nun einmal damit abfinden, dass sich Anders Friden (Gesang), Björn Gelotte (Gitarre), Niclas Engelin (Gitarre), Peter Iwers (Bass) und Daniel Svensson (Schlagzeug) einfach am besten gefallen, wenn sie überraschen können. Und das schaffen sie mit „Siren Charms“ mit Bravour.

Schon der Wechsel des Aufnahmestudios in das Hansa Tonstudio in Berlin, wo Größen wie Iggy Pop, David Bowie oder U2 den einen oder anderen Klassiker auf ein Master pressen ließen, sagt so einiges über den Werdegang der Göteborg-Truppe. Die Grenzen des Melodic Death Metal sind ihrer Meinung nach nun einmal ausgelotet, frischer Wind und ein Szenenwechsel waren notwendig. Dieser zeichnete sich auf „Sounds Of A Playground Fading“ (06/2011) zwar schon großzügig ab, die Kompositionen des neuen Werkes sprechen aber trotzdem eine ganz andere Sprache, wie schon das Exzerpt über Fridens Gesang im Pressetext erläutert: „Während er seinen Gesang früher mit Schreien und Knurren mischte, ist „Siren Charms“ mehr oder weniger fragil und zart wenn es um die Vocals geht. Das ist einem Sänger zuzuschreiben, der nichts zurückhält, seine Kehle freilegt und den Hörer so nah an sich heranlässt wie nie zuvor. Es ist intim, emotional und kraftvoll.“

Für die einen mag das ein Weichspüler-Argument sein, die anderen werden die sanftmütige Seite von Anders mit offenen Armen empfangen. Zu welchem Lager man sich auch zählt, die Arbeit an den Instrumenten ist dieses Mal vorzüglich, wenn sie nicht in ein größtenteils schwammiges Alternative Metal-Korsett gepresst worden wäre, das über weite Strecken hoffnungslos nach Beachtung ringt. Damit ist jedoch nicht das gewaltige Eröffnungsstück „In plain view“ gemeint, das mit einem extrem starken Spannungsbogen und exzellenter Inszenierung glänzen darf, oder etwa das mitreißende Melodiegerüst eines „Paralyzed“, welches nicht nur durch ein Solo zum Niederknien beim Songwriting eine Eins mit Sternchen ins Fleißheft bekommt, sondern die furchterregende Einbindung von modernen Elementen, die jegliche Stimmung zunichte macht.

Gemeint ist damit im Groben der Entschluss, aufgrund von Zeitdruck mit minimalem Aufwand noch etwas, nennen wir es einmal, Spezielles zu machen. In „When the world explodes“ bedeutet das eine säuselnde Frauenstimme völlig gegenläufig zum restlichen Song einzubinden, „Rusted nail“ mit Fanchören und Korn-Einflüssen zu einer pseudocoolen Hymne aufzubauschen oder anhand von schunkeligen Refrains den Heavy Metal-Bon Jovi raushängen zu lassen („Through oblivion“, „With eyes wide open“, „Dead eyes“). Hierfür kollektive Zustimmung zu erhalten, haben In Flames nicht wirklich geglaubt, oder? Immerhin wird es zum Glück nicht schlimmer und das Spiel mit den falschen Vorzeichen endet mit den übrigen Songs wenigstens in einer Mischung aus donnernden Drums mit hervorragender Fußarbeit („Everything is gone“), detailliertem Gitarrenpicking („Sirens charms“), rockigem Anstrich („Filtered truth“) und einem Nu Metal-Konglomerat, das mit etwas mehr Reife durchaus Bestand haben könnte („Monsters in the ballroom“).

Ob der Wechsel von einem Melodic Death Metal-Vorreiter mit Ausnahmestatus zu einer mit im besten Falle ausgezeichnetem Songwriting gesegneten Alternative Metal-Truppe letzten Endes die richtige Entscheidung war, müssen sich In Flames dennoch gar nicht erst stellen. Mit dem letzten Werk kletterten sie auf die Pole Position in den deutschen Charts und im Heimatland Schweden befinden sie sich seit „Soundtrack To Your Escape“ (03/2004) stetig in den Top 3. Friden, Gelotte, Iwers & Co. gefallen sich im Spätsommer ihrer Karriere eben als gesetzte Persönlichkeiten mit Alternative-Anstrich viel besser als rotzige Rowdys mit Grunzstimme. Wenn dabei wenigstens ein paar starke Songs wie auf „Siren Charms“ abfallen, kann man als aufgeschlossener Hörer zumindest ein Auge zudrücken und die Vergangenheit ruhen lassen.

Anspieltipps:

  • Paralyzed
  • In Plain View
  • Sirens Charms

Neue Kritiken im Genre „Death Metal“
Diskutiere über „In Flames“
comments powered by Disqus