Opeth - Pale Communion - Cover
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Opeth Pale Communion


  • Label: Roadrunner/WEA
  • Laufzeit: 56 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
6.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Selbst unter den unzähligen Großtaten der Schweden ein Referenzwerk, das seinesgleichen sucht und in seiner ganz eigenen Liga spielt.

Mikael Åkerfeldt ist ein Waldschrat, so einer mit wallendem Haar, gertenschlank und lustigem Schnauzbart. Auf der Rückseite von „Pale Communion“, dem elften Studioalbum seiner Band Opeth, werden er und seine Mitstreiter in Form von Spielkartenmotiven gezeigt. Åkerfeldt wird äußerst passend als der Joker dargestellt. Und definitiv nicht als Death Metaler, nicht in schwarz, gar nicht düster oder geheimnisvoll oder böse. Mal wieder. Spätestens dann werden die Unkenrufe, welche die alten Opeth fordern, laut, unüberhörbar und wahrscheinlich im gleichen Maßen ungehört. Zu sehr ist die schwedische Band, für die Meister Åkerfeldt damals lediglich als Bassist von David Isberg geladen wurde, seine Eroberung geworden, die er klug und bestimmend verwaltet. Und weil sich Åkerfeldt eben nicht reinreden lässt, klingt „Pale Communion“ wie es eben klingt und ist in dieser Hinsicht weder überraschend, noch im Vergleich zu „Heritage“ (2011) in irgendeiner Form unlogisch. Jedoch: „Pale Communion“ ist so vollendet, so aus einem Guss und trotz der retrogressiven Ausrichtung so originell, dass sich der langjährige Hörer der schwedischen Kombo fallen lassen kann (nein, muss) und wahrscheinlich nach und nach vergisst, dass es Opeth je anders gemacht haben. Ja, Opeth sind für diesen Sound geboren - egal wie großartig die Werke „Blackwater Park“ (2001) oder „Watershed“ (2008) auch sind und ewig bleiben werden.

Mit den verspielten „Eternal Rains Will Come“ und „Cusp Of Eternity“ geht es los und es werden keine Gefangene gemacht. Die neuen Opeth bleiben in Rotation und vermeiden es, sich zu wiederholen. Dabei ist „Pale Communion“ nicht mal in erster Linie irgendwie verkopft, verfrickelt, übermäßig psychedelisch oder so komponiert, dass vor dem inneren Auge ein Mikael Åkerfeldt schelmisch den Mittelfinger zeigt und dem Hörer ein „Ätsch, wir machen keinen Death mehr“ entgegen ruft. Im Gegenteil: „Heritage“ war ein Experiment, während „Pale Communion“ von einer schöpferischen Kraft durchströmt wird, welche den natürlich klar erwarteten klassischen Prog genauso wie eine gewisse Abgründigkeit und Härte der früheren Karrierejahre der Schweden berücksichtigt. Selbst wenn diese Härte nicht auf Death Metal beruht, scheint sie doch zu jeder Zeit existent zu sein und zahlt den Kennern der Band immer dann Tribut, wenn sie ihr mit offenen Augen und Ohren lauschen und sie - was sehr viel wichtiger ist - als eine solche erkennen. Opeths Unnachgiebigkeit, einen eigenen Sound zu bieten, der auf so vielen unterschiedlichen Strömungen basiert, findet einen Höhepunkt, der als ein solcher trotz all der Entwicklungen auch zu erkennen ist.

Das elegische „Elysian Woes“ dient als klare Zäsur und lässt die Einflüsse des Albums „Damnations“ hervortreten. Das geschieht unmittelbar nach „Moon Above, Sun Below“ und bereitet auf die zweite Hälfte von „Pale Communion“ vor. „Moon Above, Sun Below“ ist mit knapp elf Minuten die längste Komposition des Albums und vielleicht für alles, was die Band je gemacht hat, quintessentiell. Mal abgesehen von Growls, auf welche wieder komplett verzichtet wurde, bekommt der Hörer ein komplexes, doch sich relativ schnell entfaltendes, kleines Kunstwerk geboten, das Musikalität aus allen Poren schwitzt. Alles steht unter Spannung, entlädt sich für die Anhänger der Death-Fans beinahe kathartisch und nach so langem Warten in hartem Metal-Riffing, bevor abermals eine Versöhnung in Form von klar zu erkennenden „Damnation“-Momenten folgt. Das Aufgreifen des herbstlich anmutenden Albums aus dem Jahre 2003 zieht sich wie ein roter Faden durch „Pale Communion“. Auch im starken letzten Drittel des Albums bauen Opeth darauf. „River“ beginnt so, ist beinahe rein akustisch, greift dann tief in die 70er-Trickkiste und mündet in einer Eruption. In „Voice Of Treason“ und „Faith In Others“ experimentiert man zusätzlich noch mit dem dezenten Einsatz eines Orchesters. Besonders „Faith In Others“ profitiert dadurch. Während so viele andere Bands all zu leicht in Kitsch oder Bombast aus Selbstzweck versinken würden, betreten Opeth dieses Neuland mit Selbstbewusstsein und Respekt, was letzten Endes für eine ungemeine Immersion sorgt und einen der besten und vielleicht auch wichtigsten Songs der Band überhaupt entstehen lässt, der das Album zudem fulminant, alles überstrahlend ausklingen lässt und somit an genau der richtigen Stelle platziert wurde.

Die Inspirationen sind wie eh und je klar erkennbar, allerdings bis auf „Goblin“, das auf die gleichnamige italienische Elektronika- und Prog-Band der 70er-Jahre anspielt, weniger dominant als man vielleicht denken mag: Änglagård, Gentle Giant, Comus, die stets als Haupteinfluss dienenden King Crimson, vielleicht auch ein wenig vom Charme der Schweden Anekdoten, welche bereits in den 90er-Jahren klassischen Prog mit Moderne verbinden wollten. Und natürlich wacht der Rabe, der das Singen verweigert, stellvertretend für die Renaissance und neue Selbstverständlichkeit des klassischen und retrogressiven Progs im - ganz vorsichtig ausgedrückt - Mainstream, welche ein Steve Wilson schon seit vielen Jahren angepeilt hat. Am Ende sind all diese Namen Schall und Rauch und es bleiben nur die aus dem Kokon geschlüpften Opeth selbst, welche Altes nicht nachspielen, kopieren oder interpretieren, sondern weiterentwickeln und somit die Zeitlosigkeit ihrer Wegbereiter abermals betonen und selbst zeitlose Musik auf „Pale Communion“ hinterlassen.

An dieser Stelle kommen wir an den Anfang dieser Rezension zurück: Die Stimmen sind noch immer laut und Opeth sind nicht mehr die Opeth von „Still Life“ (1999) oder „Deliverance“ (2002). Ebenso - und das ist weitaus überraschender - sind sie nicht die Opeth von „Heritage“, sondern die von „Pale Communion“. Sie sind an einem Punkt angekommen, an dem sie von ihren Hörern mehr fordern, als es der gemeine Metaler, der sich selbst ihre alten Alben mit Mühe näher bringen musste, je geben könnte. Doch wie schon so oft wird das Album belohnen. Vielleicht dauert es länger, vielleicht gar nicht mal so lange - das liegt natürlich auch daran, wie offen jeder Hörer sich dem Album nähert und welche Affinität er für die musikalische Ausrichtung der Schweden besitzt. Am Ende bleibt jedoch etwas, das man gut und gerne einen Meilenstein nennen kann. „Pale Communion“ ist eines der großartigsten Alben des Jahres 2014 und wird auch in Zukunft die Top-Listen des Jahres anführen und als Referenz dienen. Zu Recht!

Anspieltipps:

  • Moon Above, Sun Below
  • Goblin
  • River
  • Voice Of Treason
  • Faith In Others

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