Gentle Giant - The Power And The Glory (Re-Release) - Cover
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Gentle Giant The Power And The Glory (Re-Release)


  • Label: Alucard Publishing
  • Laufzeit: 46 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Steve Wilson befördert diesen Meilenstein des Progs mit neuem, blitzblankem Gewand ins 21. Jahrhundert.

Re-Releases - über Sinn und Unsinn lässt sich streiten. Wenn aber ein Musiker und Produzent wie Steve Wilson seine Finger im Spiel hat, kann man eigentlich nur zuversichtlich sein. Dem Können und dem guten Musikgeschmack dieses Herrn darf einfach vertraut werden. Der Porcupine-Tree-Chef wagt sich tief in die 70er-Jahre und modernisiert den Sound ohne es zu versäumen, sich vor diesem zu verneigen. Insgesamt ist die Ausarbeitung des Kapitels in der Musikgeschichte namens Gentle Giant eine sehr dankbare Aufgabe. Deren „The Power And The Glory“ sticht selbst in der frühen, sehr arbeitsreichen Schaffensphase der Engländer deutlich hervor. Nachdem Alben wie „Acquiring The Taste“ (1971), „Three Friends“ (1972) oder „In A Glass House“ (1973) bereits den Stil des freundlichen Riesen vollends etablierten und man sie in einem Atemzug mit (den ebenfalls noch sehr jungen) Genesis oder King Crimson nannte, kam 1974 „The Power And The Glory“ und sorgte für ein Ausrufezeichen, welches man nach der ohnehin hochklassigen, damals wirklich noch „progressiven“ Musik kaum für möglich gehalten hätte, gleichzeitig aber die logische Konsequenz darstellte.

Und Gentle Giant erreichten ihren Zenit. Nach dem ebenfalls noch sehr guten Album „Free Hand“ (1975) verabschiedete man sich wie viele Prog-Zeitgenossen aus dem Gedächtnis des Musikliebhabers, um sich mit einem weichgespülten Abbild seiner Selbst dem Massenmarkt anzubiedern. Keine sechs Jahre nach „The Power And The Glory“ veröffentlichten Gentle Giant ihr bislang letztes Studiowerk „Civilian“. Auch den darauf folgenden, bis heute andauernden Schwall an Kompilationen, Live-Dokumenten, Box-Sets und Bootlegs kennt man von Musikern, die ihren einstigen Glanztaten hinterher trauern.

Hier ist die Welt aber noch in Ordnung: Dieses kreative, innovative und spannende Album ist nach wie vor absolut zeitlos und nachdem Steve Wilson - wie viele zählt er die Band zu seinen großen Vorbildern - das Album komplett neu abgemischt hat, vielleicht sogar noch zeitloser. Der glasklare Sound kommt „The Power And The Glory“ definitiv zupass und wird Kennern des Werks ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht zaubern. Der krude, schlichtweg geniale und wegweisende Mix aus großem Rock, Elektronika und Jazz bleibt. In Kompositionen wie „Playing The Game“ oder dem aggressiv-verspielten „Cogs In Cogs“ passiert so viel, dass Prog endlich wieder dieses Abenteuer ist, welches es heute sein will, doch viel zu oft einem strengen Schema folgt. Auch in dieser Hinsicht waren Gentle Giant ihrer Zeit weit, weit, weit voraus. Abgefahrene Exzesse mit inflationärem Einsatz möglichst vieler Instrumente (Xylophon, Cello, diverse elektronische Tasteninstrumente) in „Proclamation“ oder „Valedictory“ bilden einen Kontrast zu eher ruhigen, düsteren Nummern wie „So Sincere“ und „Aspirations“.

Ian Anderson von Jethro Tull sagte mal, dass Gentle Giant das beste und schlechteste des Genres verkörpern. Wahrscheinlich hat er recht. Heute, 40 Jahre nach der Erstveröffentlichung von „The Power And The Glory“, ist schon viel passiert. Aber wahrscheinlich nicht so viel wie man vielleicht denkt. Wie gesagt: Dieses Album ist absolut zeitlos, immer noch interessant und abgefahren genug, um so mancher jungen Experimental-Band zu zeigen, wo der Hammer hängt. Auch wenn es mit Gentle Giant in den auf die damalige Veröffentlichung folgenden Jahren immer weiter bergab ging, bleibt ihr Frühwerk unantastbar. Mit den Genesis-Werken „Foxtrot“ (1972), „Selling England By The Pound“ (1973), dem wohl ewig bestehenden heiligen Gral „In The Court Of The Crimson King“ (1969) sowie einigen weiteren Großtaten (z.B. „Pawn Hearts“ von Van Der Graaf Generator) gehört „The Power And The Glory“ zur absoluten Speerspitze des klassischen Progs und sollte von jedem Kenner und Liebhaber progressiver Musik gehört werden!

Anspieltipps:

  • Proclamation
  • So Sincere
  • Aspirations
  • Cogs In Cogs
  • Valedictory

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