Alt-J - This Is All Yours - Cover
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Alt-J This Is All Yours


  • Label: PIAS/Rough Trade
  • Laufzeit: 45 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
7.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Bürde des phänomenalen Debüts locker geschultert: Alt-J und ihr hybrides, weltenreiches Zweitwerk.

Alt-J sind ein Phänomen. Ein ostentativ hippes - bei dem Namen. Die Tastenkombination, um auf einem Mac ein Delta zu kreieren, den vierten griechischen Buchstaben und also das Dreieck, die einfachste geometrische Form der Ebene, verschlüsselt im Namen zu tragen, zeugt von zeitbewusster Schläue und graphischem Kunstverständnis. „Triangles are my favorite shape“ heißt es nicht umsonst in „Tessellate“ auf dem 2012er Blüten der Schönheit treibenden Konsenswerk „An Awesome Wave“. Und dann kommen die auch noch alle von irgend so einer Kunsthochschule und machen schwer rubrizierbare zeitgenössische Musik irgendwo zwischen Indie Rock und Folktronica. Die Ablehnung bis Feindschaft eines simpleren Konsummechanismen unterliegenden Lagers, wie vielleicht Kraftklubs, scheint gewiss.

Doch tragen Äußerlichkeiten wie Namen nur nachträglich zur Phänomenhaftigkeit bei. Alt-J haben die zeitgenössische Pop-Welt verzaubert mit ihren schlau arrangierten Songstrukturen und ihrem wohltuend frischen Ansatz hybrider, experimentierfreudiger und rollenklischeefreier Rockmusik. „An Awesome Wave“ wurde mit dem Mercury Prize, dem wichtigsten britischen Musikpreis, welcher im Gegensatz zum wichtigsten deutschen tatsächlich ein Qualitätssignum darstellt, geadelt. Der Stoff, aus dem schon so viel Scheitern war: Plötzlich berühmt, plötzlich begehrt, plötzlich in einer anderen Welt lebend. Doch hier, zwei Jahre später, stehen Joe Newman, Gus Unger-Hamilton und Thom Green (Gwil Sainsbury verließ vor den Aufnahmen des neuen Albums die Band) vor der Welt und spielen und singen uns fest und stolz vor von Anzüglichkeiten, von Liebe, von fremden Welten einer südjapanischen Stadt. Unbeirrbar ist das treffende Attribut.

Alt-J haben sich keiner revolutionären Erneuerung verschrieben, aber einer Professionalisierung und komplexen Erweiterung ihres musikalischen Stils. Organisch atmet, vibriert, lebt der Sound auf „This Is All Yours“ an allen Ecken und Enden, vereinen sich Unvereinbarkeiten wie Glockengeläut, orientalisches Geflöte, Southern Rock-Riffs, Miley Cyrus-Samples, britische Mittelalter-Folklore und elektronische Beat-Impulse zu einer, und das ist die große Kontinuität zum anders beschaffenen Debüt, tiefgreifenden Weltenreise, zu einer emotionalen Vitalisierung. Dass Joe Newman es offensichtlich ernst meint mit seinem seltsamen Pseudo-Dialekt bei seinen irrlichternden, im Falsett gehaltenen Gesangsparts, gibt keinen Punktabzug: Man denke nur an die gesungene Pseudo-Grammatik bei den inzwischen wieder aufgelösten Landsmännern von WU LYF, oder all jenen neuen, sich falsch schreibenden Bands von Alvvays über Chvrches bis weiß der Geier: Die Jugend hat die Naivität und Unschuld auf ihrer Seite und Sprache wie Gesang darf sich ruhig verändern, auch wenn es zunächst irritiert, vor allem beim Mitsingen.

Alt-J, das Phänomen, das neuzeitliche (bis zum Unverständnis), sind hier, in der physischen Welt, unbeirrbar, mutig und erhaben. Wo soll das noch hinführen, mit jetzt zwei derart großartigen Alben?

Anspieltipps:

  • Every Other Freckle
  • Intro
  • Left Hand Free
  • Hunger Of The Pine
  • The Gospel Of John Hurt
  • Leaving Nara

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