Wild Ponies - Things That Used To Shine - Cover
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Wild Ponies Things That Used To Shine


  • Label: Continental Rose Records
  • Laufzeit: 49 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Wild Ponies beweisen, dass amerikanische Roots-Music jenseits der ausgetretenen Pfade immer noch verblüffend, anrührend und spannend sein kann.

Dass Nashville auch abseits von reaktionärem Trucker-Country eine florierende, sympathische und musikalisch offene Seite hat, dürfte Eingeweihten bekannt sein. Doch dieser Tatbestand hat noch längst nicht dazu geführt, dass die Musik aus der Country-Hochburg differenzierter betrachtet wird. Grade haben wir hier den großartigen Nashville-Singer-Songwriter Will Kimbrough mit seiner neuesten Veröffentlichung „Sideshow Love“ vorgestellt, da liegt schon wieder eine erstaunliche Entdeckung aus der zweitgrößten Stadt des Bundesstaates Tennessee vor.

Die Wild Ponies bestehen im Kern aus dem Ehepaar Doug und Telisha Williams, das eigentlich aus Martinsville in Virginia stammt, aber in East Nashville strandete, als ihr Wagen auf dem Weg gen Westen den Geist aufgab. Das Trio wird noch durch Jake Winebrenner an Drums und Percussion komplettiert. Auf dem nun vorliegenden Album „Things That Used To Shine“ werden die Wild Ponies außerdem von einigen Gast-Musikern begleitet, wobei vor allem Gitarrist Russ Pahl an der Pedal-Steel-Guitar immer wieder für die ganz besonders auffallenden Momente sorgt.

Eigentlich sind die Eheleute Williams ja mit ländlichem Appalachian-Mountain-Folk groß geworden, der hier auch noch ab und zu anklingt. Jetzt haben sie aber einen teils rockigen, teils emotional tiefgehenden Country-Sound verinnerlicht, der die Basis ihrer aktuellen Arbeit bildet. Ende der Sechzigerjahre waren wegweisende Pioniertaten des Country-Rock, wie “Sweetheart Of The Rodeo” von The Byrds oder “The Gilded Palace Of Sin” der Flying Burrito Brothers für viele Rockmusik-Hörer die Einstiegsdroge in die Welt des Country. Diese Rolle könnten heute die Wild Ponies übernehmen, denn auch sie bilden eine Brücke zwischen traditionellen Country- und zeitlosen Rock- und Pop-Klängen. “Valentine´s Day” deutet ganz deutlich darauf hin, dass die erwähnten stilbildenden Meisterwerke für Doug und Telisha eine große Inspiration waren. Man hört eine herzerwärmende Nummer, bei der der Call and Response-Gesang, eine romantische Geige und natürlich die großartige Steel-Gitarre eine wichtige Rolle spielen.

„Make You Mine“ vereinigt die atmosphärische Weite von Calexico mit dem lässig-erdigen Gitarre-Rhythmus-Geflecht von Neil Young & Crazy Horse und dem abgeklärten, anmutigen Alternative-Country-Charme von Hazeldine. Diese drei Mädels betörten in den 90er-Jahren mit ihrem harmonisch-lasziven, mal filigran, mal muskulös umgesetzten ländlichen Sound. Groovender Country-Folk, der auch Tempo machen kann und mit einer schleifenden, sehnsüchtigen Steel-Guitar ausgestattet ist, bietet „Truth Is“. Inhaltlich setzt sich Telisha Williams, die die meisten Lead-Vocals dieses Werkes übernommen hat, mit dem sexuellen Missbrauch durch ihren Stiefvater auseinander. Das ist purer Seelenstriptease. Textlich werden bei den Wild Ponies häufiger ernste Themen angesprochen. Es wird aber auch Hoffnung vermittelt und Mut zum Neuanfang propagiert.

„Trigger“ bittet zum Tanz auf dem Heuschober. Mitreißende Rhythmen lassen die Füße wippen. Eine wahre Killer-Nummer, es geht nämlich inhaltlich um einen Mord. Verführerischer männlich-weiblicher Duett-Gesang begleitet die Ballade „Things That Used To Shine“, die stilecht mit Fiddle und wiederum hinreißender Steel-Guitar dargeboten wird und als Namensgeber für das Album fungiert. Gelassener Swing dominiert bei „Trouble Looks Good On You“. Beim Hören denkt man unwillkürlich an einen Schaukelstuhl auf der Veranda, auf dem man einen sonnigen Nachmittag an sich vorbeiziehen lassen möchte. „Iris“ wird von Bass, Geige und Banjo umrahmt und erzählt in klaren Bildern sanft von Erinnerungen an eine Großmutter. „Massey`s Ruin“ mit Lead-Vocals von Doug Williams ist ein strammer, entschlossen vorwärts strebender Country-Rocker, der knackig und kräftig im Stil von Dave Alvin umgesetzt wird.

„Want To Be Gone“ rührt zu Tränen. Die Worte gleiten auf den entrückten Tönen der Pedal-Steel-Guitar schwerelos dahin und auch die sonstige Begleitung nimmt sich alle Zeit der Welt. Ein entspannter Traum. Jetzt aber genug geträumt: „Broken“ hat Schwung, macht wach und gute Laune. Bei „Revival Wasteland“ darf wieder Doug den Hauptgesang übernehmen. Er verleiht dem Song Spannung und etwas Dramatik. Die Steel-Gitarre bekommt einen druckvollen, rockigen Einsatz verpasst und wird von E-Gitarre und Geige diesbezüglich abgelöst. „Another Chance“ lässt das Album dann sakral, würdevoll und andächtig ausklingen.

„Things That Used To Shine“ verbreitet ein Feuerwerk an starken Emotionen und überzeugt zusätzlich durch anspruchsvolles Handwerk auf der ganzen Linie. In dieser Form hat die Gruppe noch eine große Zukunft vor sich und darf jetzt schon als neue Americana-Referenzband gefeiert werden.

Anspieltipps:

  • Make You Mine
  • Truth Is
  • Things That Used To Shine
  • Valentine´s Day
  • Massey`s Run
  • Another Chance

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