Lenny Kravitz - Strut - Cover
Große Ansicht

Lenny Kravitz Strut


  • Label: Roxie Records/Rough Trade
  • Laufzeit: 53 Minuten
Artikel teilen:
4/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Hilflose Nicht-Kreativität. Wie ein Goldfisch, der aus dem Aquarium geplumpst ist. Armer Lenny.

Sehr viel nackter, mit amtlich rasierter Brust, als im Booklet seines neuen Albums „Strut”, hat sich Lenny Kravitz (immerhin auch schon 50 Jahre alt) selten gezeigt. Noch nie erschien Herr Kravitz dermaßen fit und durchtrainiert zu sein wie auf den aktuellen Bildern zu seinem zehnten Studio-Longplayer. Oder fand hier etwa eine kleine Photoshop-Behandlung à la Mariah Carey (man erinnere sich bitte an die immer wieder künstlich verlängerten Beine...) statt? Nix ist unmöglich. Toyota!

Doch nicht nur die Optik fällt heuer besonders auf. Auf die Songs, die mit Titeln wie „Sex“, „She’s a beast“, „Ooo baby baby“, „Dirty white boots“ und „The pleasure and the pain“ daherkommen wie zur schlimmsten Dauerständer-Phase von Prince, machen deutlich, dass sich Lenny Kravitz offenbar in einer neuen Lebensphase befindet. Viel wichtiger ist aber die Frage, ob auch Kravitz‘ berühmter Retro-Sound auf „Strut“ einer Verwandlung unterzogen wird. Die Antwort lautet: Jein!

Grundsätzlich klingt Lenny Kravitz immer irgendwie retro und unverwechselbar. Auch auf „Strut“, auf dem der 50-Jährige mal wieder so gut wie alles alleine gemacht hat. Neben den Texten und der Musik, spielte er Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboard. Dazu übernahm er die Produktion und die Arrangements. Alles wie immer. Also auch die Gefahr, dass dem werten Künstler niemand steckt, wenn er sich auf dem Holzweg befindet. Denn mit Roxie Records verlegt sich der Amerikaner jetzt auch noch selbst und lizenziert seine Musik an verschiedene Vertriebspartner. Damit fällt die wohl letzte Einspruchsmöglichkeit weg und Lenny macht, was ein Lenny machen muss.

Und das ist immer noch Retro-Pop/Rock, der allerdings nach dem „Sex“ in die Disco geht und dort nicht mehr rauskommt. Will heißen: Lenny Kravitz macht anno 2014 tanzbare Musik, die den Disco-Glam der 70er und 80er Jahre atmet, ohne auf das eine oder andere typische Kravitz-Riff auf der E-Gitarre zu verzichten. Das soll, angelehnt an das Cover und die Texte, vermutlich sexy klingen, idealerweise auch verrucht. Aber in solchen Dingen war Prince schon immer besser. So stellen für Kravitz-Verhältnisse mittelmäßige Stücke wie „Dirty white boots“ (schöne Gitarrenarbeit), „New York City“ (cooles Saxophon-Solo) oder auch „She’s a beast“ (mit „Let love rule“-Romantik) die Highlights einer bemüht klingenden Platte dar, die mit betonten Bass-Grooves Eindruck schinden möchte, aber die Nachhaltigkeit vermissen lässt.

So klingt der simple Titeltrack wie das großartige 1993er „Are you gonna go may way“, allerdings ohne großartig zu sein. Klar, hier werden satte Drums und Gitarrenriffs, vermengt mit Handclaps und einem plakativen Refrain angeboten, doch wo ist die zündende Melodie? Die gibt es nicht. Genauso merkwürdig: Die schlappe Ballade „The pleasure and the pain“, die nach einem weiteren schlechten Selbstplagiat klingt. Und hoppla, was ist das denn? „Frankenstein“ haben wir bei Herrn Kravitz schon zigmal mit anderen Titeln gehört. So zieht sich das Dilemma durch das gesamte Album.

Kravitz wollte eine Rock’n’Roll-Platte abliefern, kreierte neben ein paar Tanznummern wie „Sex“ aber nur laue Schubidu-Lüftchen wie „I’m a believer“ und „Happy birthday“ sowie Balladen, die nichts mehr von der Eindringlichkeit der Songs aus den 90er Jahren besitzen. Das ist nicht nur jammerschade, sondern angesichts von Texten wie in „Happy birthday“ auch noch richtig fies. Denn wer hätte je gedacht, dass sich ein Lenny Kravitz irgendwann mal wie eine Altherrenkapelle anhören würde, die ihre Ideen ausschließlich aus der Vergangenheit bezieht und dabei eine hilflose Nicht-Kreativität an den Tag legt, wie ein Goldfisch, der aus dem Aquarium geplumpst ist. Armer Lenny...

Anspieltipps:

  • She’s a beast
  • New York City
  • Dirty white boots
  • I never wanna let you down
Neue Kritiken im Genre „Rock/Pop“
5.5/10

With The 21st Century Symphony Orchestra & Chorus
  • 2018    
Diskutiere über „Lenny Kravitz“
comments powered by Disqus