Blues Pills - Blues Pills - Cover
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Blues Pills Blues Pills


  • Label: Nuclear Blast/WEA
  • Laufzeit: 43 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Die multikulturelle Combo hat zwar alle Schwächen, welche angesagter Retro-Rock mit sich bringt, weiß aber ihre Stärken mehr als diverse Genrekollegen voll zur Geltung zu bringen.

Mehr und mehr scheint das Metal-Label Nummer 1, Nuclear Blast, den Retro-Rock für sich zu entdecken. Kadavar und Scorpion Child sind längst an Bord und nun folgt nach EPs und Live-Mitschnitten das Debütalbum der Blues Pills bei einem Label, das zuerst einmal mit Heavy Metal aller Art verbunden wird. Was vor Jahren noch undenkbar gewesen wäre, ist heute nichts weiter als eine logische Konsequenz. Warum auch nicht? Die Blues Pills haben auf sich aufmerksam machen können und werden von Fans und Kritikern als noch nie dagewesenes Phänomen angesehen. Auch wenn dies definitiv übertrieben ist, lässt sich das Quartett dennoch vielleicht als aktuell besten Vertreter der Spielart ansehen, der in den vergangenen Jahren von sich hören machen konnte.

Dem Erscheinungsbild, sowohl musikalisch als auch ästhetisch, wie ein Album der Gattung Retro-Rock auszusehen hat, werden die Blues Pills wie ihre zahlreichen Genrekollegen gerecht: Ein psychedelisch anmutendes Cover im Jugendstil, die unumgängliche Verneigung vor Helden und Größen von etwa vier vergangenen Musikdekaden, vielleicht auch ein wenig mehr Hauptaugenmerk auf Style und Coolness, als auf künstlerischer Ambitionen. Vielleicht. Allein auf weiter Flur sind die Blues Pills jedenfalls mit Sicherheit nicht. Als echte Alternative, bestenfalls mit fettgedrucktem Ausrufezeichen, zu Bands wie Riotgod, The Black Explosion, The Golden Grass oder gar zu den großen Inspirationsquellen und Wegbereitern taugen die Blues Pills nicht. Retro-Romantiker werden dennoch wieder ihre helle Freude haben. Es sei ihnen gegönnt, denn schlagkräftige Argumente gibt es en masse.

Allen voran ist da die Frontfrau Elin Larsson, die fleischgewordene Phantasie des bildschönen Hippie-Mädels - und eine ohne Wenn und Aber begnadete Sängerin, welche den so oft gefallenen Vergleichen mit Aretha Franklin oder Janis Joplin tatsächlich standhalten kann, selbst dann, wenn sie einen eigenen Stil besitzt und die Vergleiche nicht mehr als eine Promo-Masche sind. Zusammen mit dem blutjungen Gitarristen und als Wunderkind hochstilisierten Dorian Sorriaux entsteht so der Dreh- und Angelpunkt eines Hypes, den Bands dieses Schlages seit Wolfmother nicht mehr erlebt haben. Doch es heißt ja „don't believe the hype“ - inwiefern das für Blues Pills gilt, ist die große Frage. Zum einen überzeugt die amerikanisch-schwedisch-französische Freundschaft mit ihren zwei Protagonisten Larsson und Sorriaux, sowie einem insgesamt sehr tighten Zusammenspiel der gesamten Band, zum anderen ist das Korsett der Retrospektive abermals so eng, dass Innovationen und wirkliche Kreativität im Keim erstickt werden und der musikalische Stil wie bei so vielen ähnlichen Bands zu einem hochklassig präsentierten Gimmick wird. Ob in diesem Falle die Pros oder eben die Contras überzeugen, muss jeder Hörer für sich alleine entscheiden. Fest steht, dass die Blues Pills es auf ihrem langerwarteten Debüt ziemlich gut machen. Vom so oft versprochenen frischen Wind spürt man zwar nur einen kleinen Hauch, aber immerhin ist die Kombination aus kernigen, zur Abwechslung mal nicht psychedelischen, sondern außerordentlich straighten Retro-Sounds und eben einer wirklich hervorragenden Sängerin noch unverbraucht.

Direkt mit „High Class Woman“ und dem wahnsinnig treibenden „Ain't No Change“ reden die Blues Pills nicht um den heißen Brei herum und torpedieren den Hörer mit einer deutlich zu spürenden Freude an der Sache und trotz Spielzeiten von knapp fünf Minuten mit einer beinahe schon verblüffenden Kurzweiligkeit. „Devil Man“ und das Chubby-Checker-Cover „Gypsy“ machen es ähnlich flott und spaßig, bevor es mit „Jupiter“ und dem zwischen flottem Refrain und balladeskem Strophenteil hin- und herpendelnden „Black Smoke“ sowohl groovend, als auch tonnenschwer und melancholisch wird. Gerade das kontrastreiche Spiel von schnellen Mitmach-Songs, Ohrwürmern und zurückhaltenden, ausgeklügelten (und definitiv nicht verkopften) Sounds beherrschen die Blues Pills in besonderem Maße. Auch wenn sie ebenfalls das Rad nicht neu erfinden können, beweisen sie, dass sie das Genre verstanden haben.

Ja, selbst wenn Elin Larssons facettenreicher Gesang (nebenbei völlig zu Recht) das große Verkaufsargument bleibt, ist die Band mehr als bei vielen anderen vergleichbaren Acts querbeet durch alle Musiksparten, eine echte Einheit. Das merkt der Hörer. Hype oder nicht - im Gegensatz zu den wie Pilze aus den Boden sprießenden Retro-Acts, beweisen die Blues Pills ein großes Talent für Darbietung und Songwriting, spielen Songs, die man sich einfach immer wieder gerne anhört. Wenn die Ketten eines Genres so fest sitzen, dass Bewegungen kaum möglich sind, müssen Musiker eben mit anderen Qualitäten glänzen. Elin Larsson, Dorian Sorriaux, Zack Anderson und Cory Berry sind in jener Hinsicht eine echte Ausnahmeerscheinung. Sie haben den Erfolg verdient.

Anspieltipps:

  • Ain't No Change
  • Jupiter
  • No Hope Left For Me
  • Astralplane
  • Little Sun

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