Keb Darge & Little Edith - Legendary Wild Rockers 4 - Cover
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Keb Darge & Little Edith Legendary Wild Rockers 4


  • Label: BBE/ALIVE
  • Laufzeit: 47 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Zurück in die Zukunft: Keb Darge & Little Edith sammeln zeitlose Retro-Sounds für die etwas andere Tanznacht.

Es gibt einen kleinen, aber feinen Kreis von DJs und Plattensammlern, die die eher unbekannten Tanzflächenfüller aus den Jukeboxes der 50er- und frühen 60er-Jahre wieder ins Licht der angesagten Clubs bringen wollen. Dazu gehören Rhythm & Blues-Kracher mit zum Teil eindeutigen oder verschlüsselten sexuellen Anspielungen sowie Soundtracks von längst vergessenen Tänzen (Mambo, Twist, Mashed Potato, Hucklebuck). Außerdem wilde, ungebremste Instrumental-Stücke (Surf, Tittyshakers). Und dann gibt es auch noch jede Menge ungezügelten, aufrührerischen Rock`n`Roll zu entdecken. Konservative Kräfte brandmarkten ihn damals als Musik des Teufels und Elvis bereitete ihn dann massentauglich auf.

Eine dieser Serien, bei denen nach tanzbaren Perlen aus den Anfangstagen des Rock`n`Roll getaucht wird, heißt „Legendary Wild Rockers“ und wird von dem ehemaligen Funk-DJ Keb Darge und dessen Frau Edith zusammengestellt. Keb wurde eines Tages ungeplant zu einer Rockabilly-Veranstaltung mitgenommen und war begeistert von der rohen Energie, die ihm entgegen schlug. Danach mottete er seine Funk- und Soul-Sammlung ein und begab sich auf die Suche nach raren, in die Beine gehenden Aufnahmen aus dem erweiterten Rock`n`Roll-Spektrum, um seine Tanznächte neu zu organisieren.

Bei Folge 4 hat sich das Ehepaar auf Rockabilly und Surf, der zwischen 1956 und 1964 aufgenommen wurde, spezialisiert. Rockabilly wurde geboren, als hauptsächlich weiße Musiker Mitte der Fünfzigerjahre Rhythm & Blues mit Country verbanden und dadurch einen neuen Musikstil erfanden. Auch die Surf-Musik gehört zu den Spielarten des Rock`n`Roll. Dieser Anfang der 60er-Jahre in Kalifornien entwickelte Stil basierte auf der Idee, dass durch kurz angerissene, oft schnell gespielte, mit Hall versetzte E-Gitarren-Linien die Brandung der Wellen imitiert werden sollte. Surf war zunächst rein instrumental, wurde aber im Laufe der Zeit mit mehrstimmigen Doo-Wop-Gesängen angereichert. Vor allem die Beach Boys machten diese Ausdrucksform populär. Auf der gleichen Welle ritt auch die texanische Floyd Dakil Combo, die hier ihr optimistisches „Dance, Franny, Dance“ vorstellt. Ein kurioses Beispiel für die (fast) instrumentale Variante liefert die rasante Nummer „Shish Kebab“ der Black Albinos von 1961. Aufgrund der eingestreuten folkloristischen Zwischenrufe kommt man beim besten Willen nicht darauf, dass diese Truppe aus Holland stammte.

Die vorliegende Sammlung zeigt auch, dass immer wieder neue Mischformen der Stile entstanden. So weist der hitzige Rockabilly von Mike Waggoner & Bops („Baby Baby“) im Gitarren-Solo auch Surf-Bestandteile auf und „Taylors Rock“ von Bob Taylor and The Counts bedient sich mit seinen gleichförmigen, trockenen, hämmernden Gitarren-Riffs sowohl bei der Surf-Musik als auch beim Blues-infizierten Gitarrenstil von Link Wray, dem Erfinder der Power-Akkorde.

Die hier versammelten Sounds sind ursprünglich, roh, unangepasst, zackig und schweißtreibend. Die Tonqualität ist im Hinblick auf das Alter der Aufnahmen durchgängig erstklassig. Da die Musiker früher meistens nur einen Versuch hatten, um ihren Song im Kasten zu haben, mussten sie den maximalen Ausdruck in diese Aufnahme legen. Dabei kam es natürlich auch zu Fehlern. Das tut dem Spaß und der Wucht aber keinen Abbruch. Wichtig war, dass die unmittelbare Energie und Lust gebannt wurde. So wurde der stumpfe, primitive Rockabilly „Oooh-Eeee“ von Ric Cartey With The Jiva-Tones bestimmt auch von den Cramps geschätzt. Diese Band sorgte seit den 80er-Jahren für ein Rockabilly-Revival und mischte die Szene mit ihren wilden, verrückten, an obskure Rock`n`Roll-Helden angelehnten Tracks auf. Eckig, kantig und rau geht es auch bei „Go Girl Go“ von Jett Powers With Vince Parle & The Raunch Hands zu. Der manische Gesang unterstreicht noch die trotzig-rebellische Aura. Rockabilly war der Punk der 50er-Jahre. Das beweisen auch Gene La Marr And His Blue Flames mit ihrem „That Crazy Little House On The Hill”. Das feurige, verzerrte Gitarren-Solo kommt mit wenigen Akkorden aus und wird von einem unbarmherzigen Rhythmus-Gespann flankiert.

Bei dieser Zusammenstellung ist der Name tatsächlich Programm. Wobei das Wilde nicht unbedingt durch das Tempo bestimmt wird, sondern die kratzbürstige und widerborstige Umsetzung erzielt diesen Effekt. Man hört entfesselte Musiker, die mit Herzblut dabei waren und sich trauten, ihre teils irren und schrägen Einfälle auf Vinyl zu bannen. Die meisten haben dafür aber nie Ruhm und Geld geerntet. Auf diesem Wege erhalten sie zumindest eine späte Bestätigung dafür, dass ihre Musik zeitlos ist.

Wir können übrigens froh sein, dass diese Zusammenstellung überhaupt zustande gekommen ist, denn das Heim des Paares auf den Philippinen wurde von einem Wirbelsturm heimgesucht. Glücklicherweise konnten sie nicht nur ihr Leben und ihre Gesundheit, sondern auch ihre Plattensammlung, die die Basis dieser Reihe bildet, retten. Und so können wir uns wieder den Urgewalten der Wild Rockers hingeben. Aber Vorsicht: Wenn man einmal infiziert ist, besteht akute Suchtgefahr!

Anspieltipps:

  • Floyd Dakil Combo - Dance, Franny, Dance
  • Ric Cartey With The Jiva-Tones - Oooh-Eeee
  • Jett Powers With Vince Parle & the Raunch Hands - Go, Girl, Go
  • Mike Waggoner & Bops - Baby Baby
  • Bob Taylor And The Counts - Taylor's Rock
  • Gene La Marr And His Blue Flames - That Crazy Little House On The Hill
  • Benny Joy - Steady With Betty

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