Mirel Wagner - When The Cellar Children See The Light Of Day - Cover
Große Ansicht

Mirel Wagner When The Cellar Children See The Light Of Day


  • Label: Sub Pop/CARGO
  • Laufzeit: 31 Minuten
Artikel teilen:
9/10 Unsere Wertung Legende
6.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Kreisrunde, aus Schatten und Licht genährte Nachtlieder.

Ihr Debütalbum „Mirel Wagner“ aus dem Jahr 2011 war dermaßen beeindruckend, dass es sich förmlich in die Seele tätowiert hat. Selbst wer es nur selten gehört hat, trug ein inneres Bild dieser Songs mit sich, lauschte sie der Stille einer einsamen Nacht ab. Die dunkelhäutige in Äthiopien geborene und in Finnland aufgewachsene Mirel Wagner veröffentlicht nun den Nachfolger mit dem Titel „When The Cellar Children See The Light Of Day“, der als Fortsetzung des Debüts zu verstehen ist und mit nur geringfügigen Änderungen aufwartet.

Mit ihrer sonor-dunklen Stimme, die mit den Saiten ihrer Akustikgitarre eine geheimnisvolle Zwiesprache oder einen intensiven Gleichklang erzeugt, kriecht sie einem erneut unter die Gänsehaut. Oder es stellt einem die Nackenhaare auf, wenn sie mit hartem Anschlag die Saiten bearbeitet wie in „The Dirt“ und dabei ihre Stimme aus dem Dunkel heraus- und wieder zurückführt. Mittendrin ein heulender Slide der E-Gitarre, der bald wieder abgelöst von Stimme und Akustikgitarre, umso wirkungsvoller im Gedächtnis nachhallt. Wenn Wagner dann - von Chorstimmen begleitet - bei „Oak Tree“ die Zeile „and I dream sweet dreams“ wiederholt, gingen jenen süßen Träumen eine dunkle Nacht, kalter Boden und innere Stimmen voraus, die schließlich von einem winzigen herabfallenden Stern in die Freiheit und jene süßen Träume überführt werden.

„Ellipsis“ und „Goodnight“ ist das Piano gemein, ersteres klangmalert zudem mit finsteren Cellotönen, letzteres mit ebenso versöhnlichen wie mysteriösen Harmonium-Tönen. „The Devil’s Tounge“ singt Wagner mit sanfter Zunge, wogegen sie „1 2 3 4“, „What Love Looks Like“ und „Taller Than Tall Trees“ mit dunkel-melancholischer Note intoniert. Es ist jenes Dunkel-Melancholische, das wir von Billie Holiday kennen, eine übergeordnete Gemeinsamkeit mit der legendären Jazz-Sängerin, wobei Wagner mit gänzlich anderen Mitteln und Voraussetzungen Intimität und Ausdruckskraft erzeugt. Zudem erreicht sie eine Intensität, die Odetta innerhalb der Dylan-Dokumentation „No Direction Home“ (Regie: Martin Scorsese) während einer TV Performance offenbarte. Auf ähnliche Weise zieht einen das neue Album von Mirel Wagner in den Bann.

Was geschieht mit den Kellerkindern wenn sie das Tageslicht erblicken? Sind wir nicht alle Kellerkinder, die das Licht fürchten? Weil wir zu lange im Dunkeln stocherten, die Finsternis unsere Schwester und stete Begleiterin wurde, die uns gleichsam schützt wie ängstigt. Mit denselben Emotionen lauschen wir Mirel Wagner, die uns das Fürchten, das Lieben, die Schatten und das Licht lehrt mit diesen kreisrunden Liedern. Lieder wie Scherenschnitte, die letztlich das Laufen lernen. Und mitten in der Nacht wenn wir erwachen, sehen wir die Schatten jener Songs, die selbst ungehört Trost spenden und Lichter des Glücks versprechen.

Anspieltipps:

  • The Dirt
  • Oak Tree
  • What Love Looks Like
  • Goodnight

Neue Kritiken im Genre „Singer/Songwriter“
8.5/10

Rough And Rowdy Ways
  • 2020    
Diskutiere über „Mirel Wagner“
comments powered by Disqus