Diverse - Kev Beadle presents Private Collection Volume 2 - Cover
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Diverse Kev Beadle presents Private Collection Volume 2


  • Label: BBE/ALIVE
  • Laufzeit: 76 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Zweiter Teil der Sammlung von rarem, unabhängig produziertem Fusion-Jazz der 70er- und 80er-Jahre eines hippen DJs aus London.

Der Jazz hat schon eine über hundert Jahre alte Geschichte. Er begann als Unterhaltungs- und Tanzmusik der schwarzen Bevölkerung der US-amerikanischen Südstaaten, trat dann seinen Siegeszug über die Metropolen des Landes an und wurde schließlich zu einer weltumspannenden Musikrichtung. Er fächerte sich in seiner Entwicklung ständig weiter auf und bildete neben vielen anderen Ausprägungen auch eine intellektuelle Sichtweise aus. Der seit den Achtzigerjahren als Londoner DJ tätige Kev Beadle hat sich mit seiner „Private Collection“ dem unabhängig herausgebrachten Jazz der 70er- und 80er-Jahre verschrieben. Das war die Zeit, als erstmalig eine Fusion mit Rock- und World-Music ausprobiert wurde. Die hier gesammelten Beiträge sind also oft stark rhythmisch ausgerichtet. Sie beinhalten aber auch ausgeprägte, virtuose Solo-Exkursionen. Die Musik bewegt dann eher die Gehirnwindungen als die Beine.

Die Zusammenstellung beginnt mit „Song For Mozambique“ vom Tenorsaxophonisten, Pianisten und Sänger Archie Shepp aus dem Jahr 1975. Dieser Track zeigt sowohl sozialkritische wie auch spirituelle Inhalte, was auch durch das eingebettete Gedicht “A Sea Of Faces” reflektiert wird. Der weibliche Gesang wird schmeichelnd und betörend eingesetzt und der männliche, erzählende Aspekt hat eine mahnende Komponente. Den beschwörenden Hintergrund bildet ein sich stoisch wiederholender Bass/Percussion-Rhythmus, der afrikanische Wurzeln aufweist. Neben diesen Bezügen werden wesentlich häufiger lateinamerikanische Verbindungen verarbeitet. Stanley Cowells „I’m Tryin To Find A Way” vermittelt zunächst durch das brasilianische Flair eine gewisse Leichtigkeit des Seins. Der ausschweifende Piano-Teil wird dabei songdienlich integriert, doch das Bass-Solo unterbricht den unbeschwerten Fluss der Klänge.

Ähnlich ergeht es „Dreams Can Be“. Die Piano/Bass/Schlagzeug-Kombination wirkt sehr selbstverliebt und löst das zunächst verspielt agierende Umfeld auf. Der Gesang mündet in verrückt überdrehte Scat-Attacken, die der Nummer eine abstrakte und alberne Wendung geben. Einen karibischen Bezug findet man auch bei Chico Freemans „Wilpan`s Walk“. Schnelle Bläsersätze mit Solo-Parts hasten dahin und auch das Piano bekommt etliche Freiräume. Saxophon und Trompete haben auch die Möglichkeit, sich individuell darzustellen, genauso wie das Vibraphon. Auch mit der anschließend einsetzenden Percussion-Tirade stellt sich keine Lässigkeit ein. Das Finale bestreiten dann alle Instrumente gemeinsam, das exotische Feeling aber ist längst verweht.

Kathryn Moses Beitrag „Music In My Heart“ ist hinsichtlich des Gesangsstils mit Joni Mitchells Jazz-orientierter Phase von „Don Juan`s Reckless Daughter“ zu vergleichen. Auch sie sucht bevorzugt die hohen Tonlagen und lässt World-Music-Themen passieren. Relativ glatt produziert und mit lieblichem, aber selbstbewusstem Gesang versehen, bringen Seawind mit „He Loves You“ quasi die Pool-Bar-Version des Latin-Jazz zu Gehör. Auch Cortijo & His Time Machine kommen uns mit „Carnaval” zunächst brasilianisch-folkloristisch, bevor ein zackiger Bläsersatz den Ton angibt. Durch den konstanten Rhythmus ist der Track schon fast tanzbar. Ein E-Gitarren- und Trompeten-Solo sowie aufgepfropfte Gruppengesänge sorgen dafür, dass das Stück nicht in Gleichklang erstarrt.

Den Sound, den Paz, Grupo Medusa und Dimenzio produzieren, hört man manchmal als Pausenfüller bei Feuilleton-Beiträgen im Radio. Das ist improvisierter Jazz mit sich teils überlagernden Rhythmusstrukturen, der nicht zu abgehoben ist, aber den Instrumenten trotzdem Bewegungsfreiheit lässt. „Hijack“ von Barry Miles beginnt melodisch und ausgewogen, bekommt dann plötzlich ein höheres Tempo verpasst und droht aus dem Ruder zu laufen. Dieses Vorgehen ist beabsichtigt und gehört zum Konzept, denn der Aufbau wechselt anfangs ständig zwischen ruhig und lebhaft. Den E-Piano- und E-Gitarren-Einlagen wird aber trotzdem zwischendurch viel Raum zur Entfaltung gegeben.

Das absolute Highlight der Sammlung wurde bis zum Ende aufgespart: 1973 fand der „Autumn Song“, eine Komposition der schwedischen Rock-Jazz-Fusion-Formation Appendix, ihren Platz auf dem Album „Space Trip“. Dieser Song fängt wie „Nights In White Satin“ von Moody Blues an und hat eine seriös verlaufende, verhaltene Melodieführung. Der Titel vermittelt die Atmosphäre drogenverhangener, psychedelischer Jazz-Folk Gebilde, wie sie sich Tim Buckley auf „Lorca“ ausgedacht hat. Der nüchterne Gesang hält das Gebilde zusammen, so dass es nie zu zerfasern droht, sondern durch seine zurückhaltende, geheimnisvolle Art zu begeistern weiß.

Viele Tracks auf dieser zweiten Zusammenstellung der „Private Collection“ von Kev Beadle sind rar und das erste Mal auf CD zu hören. Die Auswahl wurde sachkundig zusammengestellt, ist anspruchsvoll und eine Mischung aus kopflastigen Noten und rhythmischen Kabinettstückchen. Swingende Improvisationen bilden das Gerüst der hier zusammengetragenen Ausgrabungen. Deshalb kann diese Werkschau entdeckungsfreudigen Jazz-Liebhabern uneingeschränkt empfohlen werden. Wer allerdings durchgängig groovende, tanzbare Musik mit Jazz-Wurzeln sucht, sollte lieber zu Samplern wie „Mod Jazz“ oder „Mojo Club“ greifen.

Anspieltipps:

  • Appendix - Autumn Song
  • Kathryn Moses - Music In My Heart
  • Seawind - He Loves You
  • Barry Miles - Hijack
  • Stanley Cowell - I’m Tryin To Find A Way
  • Cortijo & His Time Machine - Carnaval

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