Niels Frevert - Paradies Der Gefälschten Dinge - Cover
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Niels Frevert Paradies Der Gefälschten Dinge


  • Label: Grönland/Rough Trade
  • Laufzeit: 35 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Man kann die Zukunft deutschsprachiger Pop-Musik hören. Und sie kommt von Niels Frevert.

Kennt noch jemand die „Nationalgalerie“? Mit dieser deftigen, unangepassten Hamburger College-Rock-Band ist Niels Frevert in den 90er-Jahren grandios am Geschmack der Hörer gescheitert. Er verfolgt seitdem solo seine Ideen von einer lebendigen, deutschsprachigen Musik, die sich nicht Etiketten wie Liedermacher, Folk oder Chanson aufkleben lässt, weiter. „Paradies der gefälschten Dinge“ ist jetzt sein fünfter Versuch, sich ins Bewusstsein einer größeren Hörerschaft, die an anspruchsvollem deutschen Liedgut interessiert ist, zu spielen, ohne sich dabei zu verbiegen und anzupassen. Selbstredend ist er sich wieder treu geblieben. War das 2011er-Werk „Zettel auf dem Boden“ noch kammermusikalisch angehaucht, so steuert er heute Songs bei, die weniger blumig, aber trotzdem sensibel und intelligent aufgebaut sind. Insgesamt ist die neue Kollektion zupackender und dynamischer als der Vorgänger. Fulminant eingesetzte Streicher unterstützen die Dramatik, da wo es nötig ist, ohne zu dick aufzutragen.

Inhaltlich findet Niels Frevert einen anderen Weg ins Gehirn, als die meisten Musiker, die deutsche Texte verwenden. Hier befindet er sich in der erlesenen Gesellschaft des wunderbaren, viel zu früh gestorbenen Nils Koppruch und dessen gleichberechtigtem Kid Kopphausen-Kumpan Gisbert zu Knyphausen. Die Symbolik und die Zusammenhänge, die die erwähnten Künstler verwendet haben, lassen sich manchmal erst bei der konzentrierten Auseinandersetzung mit den Worten erfassen. Die Zeilen müssen sich bei der von ihnen genutzten Versform nicht unbedingt direkt aufeinander reimen. Sie versprühen aber trotzdem oder gerade deswegen ihre poetisch-erzählerische Wirkung.

Jeder Track hält delikat-raffinierte Feinheiten bereit. So überrascht „Nadel im Heuhaufen“ mit Aussagen wie „Zu Hause ist es immer am schönsten und am schrecklichsten“. Man vernimmt intellektuelle Jazz-Anklänge („Das mit dem Glücklichsein ist relativ“), die aber im verwendeten, eleganten Steely Dan-Sound-Gefüge so ausgerichtet sind, dass sie nicht den Pop-Aspekt sprengen. Einen Fake-Bossa-Nova mit opulenten Streichern hört man auch nicht jeden Tag („Morgen ist egal“). Im „Speisewagen“ wird eine Beziehung in die Waagschale gelegt und „Muscheln“ erzählt die Geschichte, wie ein Komapatient in diese Lage kam. Und das zu einem optimistischen Pop-Song mit Mut machenden Bläsersätzen. Die zwiespältigen Emotionen nach einer gescheiterten Beziehung beleuchtet „Die Abbiegung“ mit filigraner Folk-Jazz-Untermalung und „Loch in der Atmosphäre“ tröstet zärtlich bei Minderwertigkeitskomplexen.

Es wird Zeit, dass Niels Frevert als - wie er es nennt - gehobener Mainstream von einer breiteren Masse wahrgenommen wird und entsprechend seiner Qualitäten auch die verdiente Anerkennung bekommt. „Paradies der gefälschten Dinge“ ist dafür die bestens geeignete Visitenkarte.

Anspieltipps:

  • Nadel im Heuhaufen
  • Das mit dem Glücklichsein ist relativ
  • Morgen ist egal
  • Speisewagen
  • Muscheln
  • Die Abbiegung
  • Loch in der Atmosphäre

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