Indigo Mist - That The Days Go By And Never Come Again - Cover
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Indigo Mist That The Days Go By And Never Come Again


  • Label: Rare Noise Records
  • Laufzeit: 43 Minuten
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4/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Indigo Mist haben eine schwerverdauliche Ehrung für den großen amerikanischen Bandleader Duke Ellington und dessen wichtigsten Musiker Billy Strayhorn erschaffen.

Das gelebte Experiment. Was ist schwerer zu ertragen: Atonale Tonfolgen ohne Melodik, die scheinbar oder absichtlich ohne Konzept vorgetragen werden, oder erwartungsvolle Ruhe, die sich gefühlt endlos hinzieht? Ist das die Frage, die Cuong Vu und Richard Karpen als Köpfe des Projektes Indigo Mist mit ihrer Duke Ellington/Billy Strayhorn-Hommage aufwerfen wollen? Der Trompeter und Komponist Cuong Vu ist durch eigenwillige Improvisations-Arbeiten und seine Zusammenarbeit mit Bill Frisell, Pat Metheny oder Laurie Anderson aufgefallen. Richard Karpen hat sich Auszeichnungen als Komponist auf dem klassischen Sektor und als innovativer Experimentator verdient und spielt hier Piano. Zusammen mit dem Bassisten Luke Bergman und dem Schlagzeuger Ted Poor bilden sie die Formation Indigo Mist, die der experimentellen Musik zugerechnet werden kann.

Das Album ist ein ganz harter Brocken und wirft mehr Fragen auf als es Antworten gibt. Kann man sich eigentlich noch einen schwierigeren Zugang zu einer Aufnahme vorstellen, als fünf Minuten lang nur Schlagzeug-Spielereien? Genau damit beginnen die Künstler nämlich ihre Darbietung („L`Heure Bleue”). Ist das pure Provokation? Will man nur die Unbeugsamen, für jeden Eindruck aufgeschlossenen Hörer behalten? Was wollen uns die Künstler eigentlich damit sagen? Die Stücke können womöglich ein reinigendes Ton-Gewitter hervorrufen, was den Hörer zwar verstört, aber vielleicht offener für andere Sound-Eskapaden zurück lässt. Gut, dass es Erklärungsversuche der Musiker gibt. Für Vu ist das Gesamtwerk ein Klanggedicht, zutiefst inspiriert von Dukes und Billys Musik. Man wollte mit dieser Aufführung die gesamte Idee des Jazz auf den Kopf stellen.

Übergangslos wird das Klang-Spektakel fortgesetzt und durchgehalten. Eine Chronik: Das Stück „Indigo Mist“ beginnt mit kaum hörbaren Trommeln. Erst nach über zwei Minuten setzt ein ebenso leises Piano mit Klangsplittern ein. Der erste laute Ton kommt nach drei Minuten. Dann herrscht wieder eine beinahe quälend ruhige Phase. Nach weiteren 30 Sekunden folgt ein Lebenszeichen. Karpen spielt sich langsam steigernde grollende Akkorde auf dem Piano. Experimentelles Getrommel und quietschende, von der Trompete erzeugte Geräusche, die nach Bremsen klingen, werden eingeworfen. Nach sechs Minuten gibt es sirenenartige Töne, die sich in ein kakophonisches Klang-Gewitter steigern. Dies zieht nach dem Übergang in den nächsten Part („A Flower Is A Lovesome Thing“) ab. Man kommt in seichteres Fahrwasser und nun plätschert es lautmalerisch vor sich hin. Das Piano lautmalt auch bei „Billy” weiter. Der Bass passt sich an und das Schlagzeug hält sich zurück.

Das war die Ruhe vor dem Sturm. „Duke“ vermittelt anfangs eine Vorstellung von abstraktem Swing, endet dann aber mit schreienden Skizzen in einer tosenden Instrumentenschlacht. Das hört sich an, wie völlig aus dem Stegreif entstanden. Die nächsten drei Beiträge sind nur kurze Entwürfe und werden im Vergleich zum Vorgänger relativ besonnen vorgetragen. Hier gibt es nur wenige aggressiv-fordernde Steigerungen („In A Sentimental Mood“, „Charles“, „Lush Life“). Aufwühlend geht es mit „The Electric Mist“ weiter, das zum Ende an Energie verliert und in „Mood Indigo“ übergeht. Das Wechselspiel zwischen Beinahe-Stille und verstörenden Sounds geht weiter. Nach einer Zeit mit nur wenigen Klang-Tupfern gibt es noch mal kleinere Ausbrüche auf die Ohren, bevor diese Herausforderung endet.

Die Musik ist eine gewollte Zumutung, die man nur mit eisernen Nerven und Lust am disharmonischen, überraschenden, nicht planbaren Ablauf meistern kann. Wer dazu bereit ist, bekommt eine Vollbedienung. Zart besaitete Musikliebhaber sollten besser Abstand halten.

Anspieltipps:

  • A Flower Is A Lovesome Thing
  • Billy
  • In A Sentimental Mood

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