Nana Love - Disco Documentary: Full Of Funk - Cover
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Nana Love Disco Documentary: Full Of Funk


  • Label: BBE/ALIVE
  • Laufzeit: 54 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Eine lohnende Ausgrabung von unkonventionellen, lange Zeit nicht erhältlichen Afro-Funk-Disco-Titeln der ghanaischen Sängerin und Komponistin.

Bei Nana Loves „Disco Documentary: Full Of Funk” handelt es sich um eine Wiederveröffentlichung einer Afro-Funk-Disco-Kollektion, die im Original 1978 in London aufgenommen wurde. Die Masterbänder wurden jetzt aufgearbeitet und man fand auch noch unveröffentlichtes Material, so dass die nun vorliegende Zusammenstellung doppelt so viele Stücke enthält wie die Ursprungsfassung. Die Einspielung verbindet den Geist der nigerianischen Afrobeat-Legende Fela Kuti mit dem Stimmungsbild des New Yorker Nachtclubs „Studio 54“, der als Synonym für den Höhepunkt der Disco-Welle Ende der Siebzigerjahre gilt.

Über Nana Love selbst ist wenig bekannt, außer dass sie in Ghana geboren wurde und das Album unter der Regie ihres damaligen Ehemannes Reindorf Oppong entstanden ist. Weitere Spuren sind verwischt, es finden sich im Internet keine Zeichen für ihren musikalischen Werdegang. Besonders ausgebildete gesangliche Fähigkeiten haben Nana eher nicht für die Rolle als Performerin empfohlen. Ihre kindliche, nörgelnde, quengelnde, teilweise auch kratzbürstige Stimme ist zwar eigenständig, passt aber gar nicht ins gängige Disco-Genre. Zu sperrig, zickig und damit jenseits einer erfolgsversprechenden Ausrichtung ist sowohl ihr Gesangsstil wie auch ihre Ausstrahlung. Dieses Abseitige macht sie aber grade für Hörer, die das Ungewöhnliche und Unkonventionelle suchen, interessant.

Nana Love ist keine typische Sängerin im klassischen Sinn, denn sie begleitet nicht immer den gesamten Song und bildet somit auch nicht unbedingt den Mittelpunkt des Geschehens. Ausnahmen davon sind „I´m In Love“, „Disco Lover“, „Hang On Baby“ und „When The Heart Decides“. Die Gesangsbeiträge sind wohl dosiert, so dass ihre exzentrische Art nicht störend oder aufdringlich rüber kommt. Nana schlüpft in die Rolle einer Animateurin. Sie stachelt auf, sorgt für den Einstieg ins Geschehen und erzeugt Aufmerksamkeit. Wenn sie zusätzlich die Position einer lasziven Kindfrau einnimmt, wird noch eine verführerische Komponente eingebracht.

Musikalisch trägt sie aber insgesamt mehr bei, als nur schmückendes Beiwerk zu sein, denn alle Songs wurden von ihr verfasst. Oberflächlich betrachtet können sie gleichförmig erscheinen. Beschäftigt man sich aber näher mit ihnen, fällt auf, dass sie durchaus ausgefeilt und raffiniert sind. Und sie erfüllen stets ihren Zweck als Partystimmungshalter. Den Anfang macht das fast 12-minütige „I´m In Love“. Ein hypnotisch stumpf dröhnender, klatschender Beat bildet die Basis eines Sounds, der zur gleichen Zeit auch vom New Yorker ZE-Label kultiviert und unter dem Begriff „Mutant Disco“ vermarktet wurde. Unter diesem Dach wurden Künstler wie Material und Kid Creole And The Coconuts bekannt. Aus dem gleichen Stall stammte auch Lizzy Mercier Descloux, die hörbar von Nana Love beeinflusst wurde. „I´m In Love“ wird zusätzlich durch schaurig-schöne, eklig-billige Synthesizer-Töne gespeist. Die Bläser lassen dicke Muskeln spielen und Nana rettet sich meckernd über die Zeit, was zunächst gewöhnungsbedürftig ist, nach einigen Hördurchgängen aber einen bizarren Reiz ausübt. Die Kombination zwischen stoischen Polyrhythmen, instrumentalen Alleingängen und aufrüttelnden Gesangseinlagen macht eine Besonderheit dieser Aufnahmen aus.

Eine funky Orgel übernimmt bei „We Gonna Stay For The Party“ den Einstand, bevor ein Gospel-ähnlicher Chor einsetzt. Nana fällt dann als Störfeuer in die Harmonie ein und geschmeidige, punktuell gesetzte, hoch gestimmte Gitarren und Flöten verfeinern den Party-Sound. Ein von James Brown beeinflusster Funk erdet den leichtfüßigen, swingenden jazzigen Grundrhythmus von „Talking About Music“, zu dem sich Nana als Anheizerin betätigt. „Disco Lover“ ist, wie der Name schon vermuten lässt, eine lupenreine Disco-Beat-Nummer mit pumpendem Bass und Bläser-Fanfaren. Einen langsamen Reggae bietet „Sahara/Chains Of Love“. Er wird von leierndem, fast gelangweiltem Gesang begleitet. Der Bonus-Teil beginnt mit „Hang On Love“, einer treibenden Disco-Funk-Verbindung, die es auch in einer 15-minütigen Fassung auf dem Sampler „Lagos Disco Inferno“ gibt. Leider ist diese Version hier nicht enthalten. Ein schmissiger, intensiv groovender Afrobeat ist bei „When The Heart Decides“ zu hören. Ein weiteres neues Fundstück ist die Engtanz-Nummer „Reach Out My Hand“, die trotz kleinerer Tonstörungen am Anfang ihren Weg auf diese Sammlung gefunden hat. Und das ist gut so. Den fröhlich-beschwingten Afro-Dance-Pop „Loving Feeling“ gibt es mit Gesang und instrumental. Die instrumentale Interpretation ist allerdings nur ein überflüssiger Füller. Besser wäre es gewesen, stattdessen die Langfassung von „Hang On“ zu spendieren.

Nana Love hebt die „Disco Documentary“ mit ihrer unkonventionellen Vortragsart aus dem Wust der gewöhnlichen, stromlinienförmigen Afro-Disco-Ware heraus. Das Herzstück der Werkschau bilden aber die Musiker. Durch sie wird der Aufbau und Ablauf und damit der Hauptaspekt der Kompositionen bestimmt. Sie geben im wahrsten Sinne des Wortes den Ton an. Die Backing-Band erzeugt dabei einen ähnlichen Schwung wie die Begleitgruppen von James Brown: kräftig, schweißtreibend und herausfordernd. Die Formation ist sehr gut eingespielt und agiert intensiv mit Tiefen- und Langzeitwirkung. Nur für die Statistik sei noch erwähnt: In der Band spielten sechs Leute, die auch bei Boney M („Daddy Cool“, „Ma Baker“, „The Rivers Of Babylon“) in den Gründungsjahren tätig waren.

Anspieltipps:

  • Hang On Baby
  • When The Heart Decides
  • Disco Lover
  • Talking About Music

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