Evergrey - Hymns For The Broken - Cover
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Evergrey Hymns For The Broken


  • Label: AFM Records
  • Laufzeit: 60 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Nach drei belanglosen Alben liefern die Schweden endlich wieder das K.O.-Argument dafür, warum man sie vergöttern sollte.

Um mal die Karten auf den Tisch zu legen: Von Evergrey ist seit zehn Jahren nichts mehr gekommen, was wirklich von Belang gewesen wäre. Aus einer der interessantesten Metal-Bands unserer Zeit wurde ein völlig austauschbares Produkt, welches nur noch ein Schatten seiner selbst gewesen ist und alle Trademarks, für die man die schwedische Gruppe lieben gelernt hat, links liegen ließ. Wenn dann ein Tom S. Englund, seines Zeichens Frontmann und Bandleader, von einem echten Brecher spricht, handelt es sich wohl nur um leeres Promogeschwätz und lockt nur die optimistischsten Fans hinter dem Ofen hervor. Und jetzt kommts: Englund hat tatsächlich nicht zu viel versprochen! Nicht nur sind die jüngst ausgestiegenen Johan Niemann (Bass) und Jonas Ekdahl (Schlagzeug) wieder an Bord, auch scheint es so, als haben gleich alle Mitglieder Evergreys ein Bad im Jungbrunnen genommen. Das Ergebnis ist alles andere als von schlechten Eltern.

Nach „Monday Morning Apocalypse“ (2006), „Torn“ (2008), „Glorious Collision“ (2010) und immerhin geschlagene zehn Jahre nach dem sowohl von Fans und Kritikern als Referenzwerk anerkannten „The Inner Circle“ (2004) melden sich Evergrey mit einem Album zurück, welches endlich wieder an die Großartigkeit ihrer ersten Karrierehälfte anknüpfen kann. „Hymns For The Broken“ beweist, warum Evergrey immer noch in die Prog-Ecke gesteckt werden, auch wenn sie streng genommen nie echten Prog Metal gemacht haben: Ein dunkler, vielschichtiger, melancholischer Sound, wohl platzierte Einsätze des Keyboards, allerlei Soundschnipsel, elektronische Einspieler und nicht zuletzt Tom Englunds markanter und (fast!) einzigartiger Gesang sprechen eine klare Sprache und erreichen auf dem achten Studioalbum ein Level der Innovation, welche man den Schweden nach gleich drei eher mittelmäßigen Alben nicht mehr zugetraut hätte.

Dies scheinen Evergrey wohl auch selbst erkannt zu haben. Jedenfalls wissen sie endlich wieder um ihre Qualitäten und Talente und scheinen ihren so liebgegewonnenen Sound regelrecht zu zelebrieren anstatt ihn entschlackt doch gehärtet in die Lauscher des geneigten Headbangers zu befördern. Klar, Songs wie der Titeltrack oder die Singleauskopplung „King Of Errors“ sind schnelle, riffbetonte Ungetüme, welche weiterhin den Rückenwirbel so richtig ausrenken können. Allerdings haben sie allesamt einen doppelten Boden und überzeugen mit allerlei liebevollen Details. Wenn ein „The Fire“ zum Beispiel trotz eines einsetzenden Kinderchors vorzüglich funktioniert, dann wurde etwas absolut richtig gemacht. Gerade solche Experimente gehen nur allzu gerne nach hinten los und Evergrey schaffen den gekonnten Spagat zwischen Anspruch und Härte - und zwar ohne jegliche Fremdscham. Richtig groß wird „Hymns For The Broken“ schließlich, wenn die Schweden einen opulenten Sound anpeilen, sich im Mid-Tempo bewegen und ihren melancholischen Dark Metal auf ausgehungerte Fans loslassen. „Black Undertow“, „The Grand Collapse“, „A New Dawn“ und besonders der Rausschmeißer „The Aftermath“ hätten auch auf einem Album wie „The Inner Circle“ oder „Recreation Day“ eine absolut gute Figur gemacht und begeistern mit einer dichten Atmosphäre sowie dem guten Riecher für Melodien, die hängen bleiben und können mit einer geschickt gewählten Prise Pathos wirklich ergreifen.

Selbst balladesk („Missing You“ und „Barricades“) ist mal wieder alles im grünen Bereich. Klar, Englunds leicht soulige Stimme ist eben immer ein absoluter Gewinn für seine Band und streng genommen für die gesamte Metal-Szene. Gerade der neue alte Sound Evergreys steht seinem Stil besonders gut. Die Band spielt sich so gegenseitig in die Karten, was die ganze Sache nochmal gehörig aufwertet. Da wirkt „Hymns For The Broken“ fast schon wie ein Comeback, auch wenn Evergrey nie von der Bildfläche verschwunden waren. Aber in Sachen Qualität, Frische und Spielfreude knüpft man definitiv an alte Großtaten an, was halbgare Versuche, sich „einfacher“ und kompakter zu präsentieren, fast schon vergessen macht. Klare Sache, wenn auch vollkommen unerwartet: „Hymns For The Broken“ ist nicht nur ein Brecher, den man kaum von Evergrey erwartet hat, sondern auch in der Diskographie der schwedischen Dark Metaler ganz weit oben.

Anspieltipps:

  • King Of Errors
  • Barricades
  • Black Undertow
  • The Fire
  • The Grand Collapse
  • The Aftermath

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