Dark Fortress - Venereal Dawn - Cover
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Dark Fortress Venereal Dawn


  • Label: Century Media/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 69 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
7.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Fokussierte und deutlich weniger gewagte Grüße vom Ende der Menschheit.

Es ist nicht immer einfach, einen direkten Zugang zu einem Black Metal-Album zu finden. Oft sind die vorherrschenden Klänge dermaßen roh und unmenschlich, dass die Gegenwart, geprägt von Internetsucht, permanenter Überwachung und schlechten Jobaussichten, meist versöhnlicher oder gar tröstender wirkt, als unbarmherziges Blastbeat-Gewitter, das von heiserem Gekreische begleitet wird. Die Landshuter Formation Dark Fortress befand sich zwar nie so recht vollständig in diesem Kosmos, wo Kapellen wie Darkthrone, Marduk oder Naglfar ganz andere Verwüstungen hinterließen, trug aber dennoch maßgeblich zur Entstehung eines schwarzmetallischen Gewissens in Deutschland bei. Mit ihrem letzten Werk „Ylem“ (01/2010) beschritten Morean (Gesang), V. Santura (Gitarre), Asvargr (Gitarre), Draug (Bass), Paymon (Keyboards) und Seraph (Schlagzeug) überhaupt ihren ganz eigenen Weg und legten ein Album vor, das seine Wurzeln im Black Metal verstand, sich aber großzügig mit Einflüssen aus Doom sowie Gothic Metal übergoss und immer wieder einen tiefen Kniefall vor der Düsternis von Hellhammer und Celtic Frost machte, was der Truppe mit ihrem sechsten Output ein Beinahe-Meisterwerk bescherte.

Diese Bindung war jedoch nicht genug. Mit dem Einstieg von V. Santura bei Triptykon, dem neuen Projekt von Thomas Gabriel Fischer (Gründungsvater der eben erwähnten Bands), bekamen Dark Fortress einen direkten Link zu der Düsternis des Großmeisters, mussten aber erst einmal mit den doppelten Verpflichtungen ihres Gitarristen auskommen, wodurch der Nachfolger zu „Ylem“ bis zur nun vollbrachten Veröffentlichung einen Zeitraum von vier Jahren benötigte. Eine Umstellung, die viel Platz für verschiedene Gedankengänge ließ und den Sechser in ihrer Existenz in Frage stellte. „Wir bewegten uns als Band nicht so nach vorne, wie wir es uns vorgestellt hatten, und obwohl wir so viel Zeit und Mühe in „Ylem“ und die anschließende Tour gesteckt und exzellentes Feedback bekommen hatten, wurden wir das Gefühl nicht los, auf der Stelle zu treten. Wir beschlossen jedoch gemeinsam, dass wir Dark Fortress nicht begraben wollten“, erklärt Morean. Zum Glück haben sich die Landshuter nicht für einen anderen Weg entschieden, denn „Venereal Dawn“, ein vor Energie strotzendes Werk über das Ende der Menschheit, ist wieder einmal großartig geworden.

Das Konzept hinter dem neuesten Opus lautet folgendermaßen: „Die Sonne hat eine neue Form angenommen, die alles Leben auf unserem Planeten deformiert und pervertiert. Die einzige Möglichkeit für die Menschen, sich kurzzeitig davor zu schützen, besteht darin, dass man seine Haut mit frischem Blut einreibt. Die menschliche Zivilisation wurde zerstört. Der Protagonist ist eins der menschlichen Opfer, das zurückgelassen wird, um von jenen Wesen (Abkömmlinge der Lloigor, einem fiktiven Volk im Cthulhu-Mythos, Anm.d.Red.) verschlungen zu werden. (…) Der Untergang von ihm und der Menschheit wird zu einer Geschichte tiefer spiritueller Unruhe und Katharsis, vor dem Hintergrund einer grotesken und extrem feindseligen Welt.“ Wer glaubt, dass dieser kurze Umriss des Inhalts das Einzige ist, was sich Morean & Co. für eine glaubwürdige Geschichte zurecht gelegt haben, der irrt, denn die Liner Notes zu den einzelnen Songs strotzen nur so vor einer bildhafter Darstellung der unwirtlichen Begebenheiten auf der Erde. „The sun is rising. Over a tortured and scarred landscape, the sun crawls over the horizon with a feverish scarlet glow. Its sick corona of expanding light makes the air glimmer like a tangible plague, which sickens all living things directly exposed to its light” ist hier nämlich nur eine von mehreren ausschweifenden Schilderungen der trostlosen Welt, in der sich der Protagonist hinter „Venereal Dawn“ befindet.

Und die Musik? Nun, im Vergleich zum Vorgänger sind Dark Fortress einen Schritt zurück gegangen und haben ihren Fokus auf einen glaubwürdigen, in sich zusammenhängenden Erzählfluss gelegt, anstatt ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen und diverse Dynamik- und Rhythmusspielchen einzubauen, die auch losgelöst vom restlichen Kontext als kraftvolles Individuum dastehen können. Die neun neuen Songs vermögen das zwar auch, jedoch steigt ihre Strahlkraft inmitten ihrer Familie um ein Vielfaches an. So ist das Zwischenspiel „The deep“ mit seinem völlig aus dem Rahmen fallenden Duktus und der hörspielartigen Struktur allein genommen ein typischer Fall für die Skip-Taste, im Zusammenspiel mit dem Konzept und eingebettet in das vorangegangene, ungestüm um sich schlagende und mit einem großartigen Spannungsbogen versehene „I am the jigsaw of a mad god“ und dem anschließend ebenfalls wütend mit Blastbeats hantierenden „Odem“ entfaltet der Track aber seine wahre Bestimmung als Ruhepol mit erzählerischer Feinfühligkeit.

Dazwischen peitschen Dark Fortress den Hörer mit gespenstischer Stimme, Chorpassagen und rasant-packender Inszenierung durch düstere Black Metal-Gassen, in denen an so manch einer Ecke der Doom lauert („Venereal dawn“), zelebrieren mehrstimmige Refrains und atemberaubende Melodien inmitten eines sanftmütigen, aber unwirtlichen Territoriums, das jeden Moment in Raserei auszubrechen droht („Lloigor“), servieren eine eindringliche Mischung aus variablem Schlagzeugspiel, phrenetischen Riffs und Moreans verzweifelter Stimme, um der Gänsehaut einen Orgasmus zu bescheren („Luciform“) oder schließen die Geschichte mit einem von Klaviermusik eingeläutetem, langsam heranrollendem, roten Teppich, der solange brodelt und gurgelt, bis das dunkle Gebräu einen direkt an der Kehle packt und in weiterer Folge mit verschiedensprachigem, weiblichem Gesang, einer tiefen Verbeugung vor Celtic Frost und erschütternder Einfachheit sein Ende findet („On fever´s wings“).

Mehr denn je kommt es bei einem Album des Sechsers darauf an, ob man sich auf das Konzept und die Ausführung dessen einlassen will. Stücke wie „The deep“ mögen nämlich auf den ersten Blick abschreckend und schwach wirken, funktionieren im Gesamtkontext gesehen aber ausgesprochen gut und zeugen trotz des etwas überraschungsarmen Konstrukts „Venereal Dawn“ von der Weitsicht und dem Veränderungswillen von Dark Fortress. Wo es bei „Ylem“ zum Beispiel noch darum ging, das „jeder einzelne Song seine eigene, unverwechselbare Identität hat“, lebt und atmet das 9-Track-Opus als ein einzelnes Lebewesen. Wer sich das entgehen lassen möchte, ist selbst schuld.

Anspieltipps:

  • Lloigor
  • Luciform
  • Venereal Dawn
  • I Am The Jigsaw Of A Mad God

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