Scooter - The Fifth Chapter - Cover
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Scooter The Fifth Chapter


  • Label: Sheffield Tunes/EDEL
  • Laufzeit: 58 Minuten
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4.5/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Erstklassiges Partymaterial und sinnbefreite Wegwerfartikel geben sich die Klinke in die Hand.

Nach Ferris Bueller, Axel Coon und Jay Frog streicht nun auch Gründungsmitglied Rick J. Jordan die Segel und überlasst Hans Peter Geerdes die alleinige Vorherrschaft über das musikalisch zwiespältige Produkt Scooter. Über 20 Jahre tüftelte der aus Hannover stammende Produzent, Keyboarder und Gitarrist gemeinsam mit H.P. an neuem Schwachsinn für das nächste Album der deutschen Kirmestechnobande. Sein Nachfolger Phil Speiser (aufmerksamen Clubgehern dürfte er unter dem Pseudonym Dirty Disco Youth bekannt sein) findet sich nun an der Seite von 2006-Einstieg Michael Simon und dem allseits bekannten Chicks Terminator und tritt somit in große Fußstapfen, immerhin gestaltete sich das vierte Kapitel in der Geschichte von Scooter mit Alben wie „Jumping All Over The World“ (11/2007) mit Platinauszeichnung in England und der Platte „Under The Radar Over The Top“ (10/2009), die es als erste Scheibe überhaupt in die Top 3 der deutschen Charts schaffte, als das bislang national wie auch international erfolgreichste.

Erstaunlicherweise stellt das absolut kein Problem dar und bereits das ansonsten ziemlich schwachbrüstige Intro bricht dieses Jahr mit einer unglaublichen Präsenz aus den Boxen, wie man es von Scooter eigentlich nicht gewohnt ist. Selbstverständlich handelt es sich hierbei nur um den roten Teppich, den Mr. Baxxter nutzt, um in der Partygranate „Who´s that rave“ seine MC-Künste unter Beweis zu stellen, die dieses Jahr erheblich zurückgeschraubt wurden, da entweder jemand anderer den Gesangspart übernimmt oder die geistigen Ergüsse von Wasserstoffblondel nicht ansatzweise so strunzdumm um die Ecke kommen, wie auf den 16 Alben zuvor. Das schützt Herrn Geerdes zwar nicht davor, im Gegenzug in „We got the sound“ den blödesten Text der gesamten Scooter-Diskographie vom Stapel zu lassen („10, 10, 20, 20, I got the poison / I got the remedy / 60, 60, 70, 70, I got the noise / I got the energy / 80, 80, Like Slim Shady / 70, 70, Maybe / 50, 50, Party, Party / 30, 20, 10, Zero“), doch wenigstens entschädigt der anschließend aggressiv-kratzige Beat das Absterben der Gehirnzellen und man dreht, wild durch die Wohnung tanzend, den Lautstärkeregler nach rechts.

Ja, Blondel und seine Mannen setzen dieses Jahr einen brachialen Großangriff auf die Gegenwart und erfüllen unter anderem mit den zwei Tracks, die von der australischen Sängerin Vassy (sorgte gemeinsam mit David Guetta und Showtek mit der Single „Bad“ für eine internationale Nummer 1) unterstützt werden („Today“, „Radiate“), einen wichtigen Beitrag zur Verortung im Hier und Jetzt. Schließlich versteiften sich Baxxter und Co. in der Vergangenheit oftmals auf ihre eigene Mischung aus Techno, Rave, Electro House und Hardcore, in die nur sehr wenig (oder mit den falschen Hintergedanken) Einflüsse von außen Einzug fanden, was mitunter zu miserablen Halbwertszeiten und einem generell altbackenen Geschmackserlebnis führte. Dummerweise fällt das Trio in der zweiten Hälfte fast vollständig wieder in alte Muster zurück und langweilt mit hochgepitchten Stimmchen, die altbekannte Melodien nachträllern und dabei in derbe Jumpstyle- und Hardcore-Gewänder gesteckt werden (besonders heftig: „Can´t stop the hardcore“ als „Eviva Espana“ und „Sirtaki“-Mashup), während zum Ausgleich auf Biegen und Brechen andere Genres wie Dubstep („T.O.O.“), Progressive House à la Lützenkirchen („Jaguare“) oder smoothe Beats mit Piano und sanfter Frauenstimme („Listen“, „In Need“) zur Abwechslung verhelfen sollen, aber maximal zu Kopfschütteln führen.

Wieso Scooter nicht einfach ein paar Hits mehr von der Marke „Bigroom blitz“ zimmern, das mit einem unwiderstehlich-abendländischen Vibe daherkommt, anstatt rebellische Proletenstimmung zu pflanzen, die mit E-Gitarren um den Gnadenstoß winselt („Fuck forever“), bleibt jedenfalls ein Rätsel. Einen besonderen Leckerbissen verpacken Baxxter, Speiser und Simon zum Abschluss immerhin in die zeitlose (sic!) Nummer „Fallin´“, die nicht nur mit bekannten Samples aus der Anfangszeit kopuliert, sondern auch auf der sanftmütigen Blaupause für „No fate“ basiert und somit ein wahres Festmahl nach dem aufgetauten Fastfood in der näheren Umgebung darstellt. Ach du meine Güte! Scooter werden mit etwas mehr Ehrgeiz auf ihre alten Tage doch womöglich nicht ein Album vorlegen, das durch seine Mischung aus authentischer Partylaune und relaxten Beats ein Gefühl der Zuneigung hinterlässt, oder etwa doch?

Anspieltipps:

  • Fallin´
  • Radiate
  • Bigroom Blitz
  • Who´s That Rave

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