Malpractice - Turning Tides - Cover
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Malpractice Turning Tides


  • Label: Sensory Records/ALIVE
  • Laufzeit: 44 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Progressive Metal ist zwar formelhaft, aber weitaus überzeugender als bei vielen vergleichbaren Acts interpretiert.

Ohne dabei gehässig klingen zu wollen: Aus der zweiten Reihe des Prog Metals melden sich Malpractice sechs Jahre nach ihrem letzten Longplayer „Triangular“ (2008) zurück, um der Szene etwas zu geben, was sie schon längst kennt. Moment, das wäre vielleicht unfair. Ja, „Turning Tides“ ist eigentlich das typische Album einer Band, die stets darum bemüht war, sich ihren Idolen anzunähern, aber immerhin machen es die Herren aus dem finnischen Kouvola so richtig überzeugend. Dream Theater (Technik und Heldenstatus), Symphony X (Bombast und Keyboardeinsatz) oder späte Fates Warning (wenn es dann doch mal ein wenig experimenteller werden soll) sind die drei großen Referenzen, die eigentlich immer den Kopf hinhalten müssen, wenn sich eine Band aus den frühen Nullerjahren dazu entschieden hat, progressiven Metal zu spielen. Dass dies durchaus klappen und zum Erfolg führen kann, haben beispielsweise die Norweger Pagan's Mind bewiesen, welche sich von einem teilweise dreisten Plagiat zu einem kleinen Genrehelden gemausert haben, der mittlerweile sogar selbst als Einfluss für Newcomer geführt werden kann. So weit sind die immerhin im Jahre 1994 gegründeten Malpractice zwar noch lange nicht, aber beweisen mit ihrem vierten Longplayer, dass sie ohne Frage das Zeug dazu haben - schon alleine weil die Finnen dank des Wechsels zu Sensory Records einen weltweiten Release bekommen, der ihre Bekanntheit auf einen Schlag vervielfachen könnte.

Mehr noch: Innerhalb des Genres, in dem sich „Turning Tides“ bewegt, wird eine ganze Menge richtig gemacht, auch wenn natürlich alle bekannten Regeln eingehalten werden und das Wörtchen „progressiv“ auch nicht mehr als ein einfaches Label ist. Selbst die Geschichte des Konzeptalbums ist klischeehaft: Der namenlose Protagonist ist ein hoch intelligenter, gebildeter und talentierter Mensch, der aber gerade aus diesem Grunde keine Arbeit findet und als stets überqualifiziert eingeordneter Bewerber letztendlich arbeitslos sein Leben vor sich her lebt. Er endet in einer Spirale aus Frustration, Antriebslosigkeit und Depression, kämpft erfolglos gegen das System und rutscht immer tiefer hinab.

Queensryche, ick hör dir trapsen. Hallo, Vision Divine in den Jahren 2004 bis 2007! Musikalisch wird die eigene finnische Schule mit gitarrenorientiertem, technischem sowie virtuosem Prog verbunden, der auf den Bombast Symphony X' immerhin verzichtet und den Vorschlaghammer im Werkzeugschuppen lässt. Das machen Malpractice überzeugend - auch wenn die Vorgehensweise alles andere als innovativ ist. Dafür schaffen solch Songs wie „Weight Of The World“, „Irony Tower“, „State Within A State“ und das sich klar an Queensryche orientierende „Out“ einen gelungenen Spagat aus Technik, Energie und Songwriting. Vergleichbare Bands würden für diesen Mix höchstwahrscheinlich morden. „Symphony Of Urban Discomfort“ ist dann ein Schmankerl für Freunde von instrumentalen Frickelorgien, kurz, knackig und separat, um andere Songstrukturen nicht mit Macht zu verschlimmbessern.

Mit dem Titeltrack kommt schließlich der obligatorische Longtrack von 15 Minuten, der angenehm klimatisch sowie schlüssig aufgebaut ist und den (einkalkulierten) Ansprüchen eines Höhepunkts gerecht werden kann. Und das ist mittlerweile alles andere als eine Regel. Auch nicht beim Genre-Anführer Dream Theater! Damit wird „Turning Tides“ ein Prog-Happen, den wir zwar schon viel zu oft gehört haben, der aber in seiner eigenen Klasse viele vergleichbare Acts und Alben locker im Regen stehen lassen kann. Wie so oft wird das Rad nicht neu erfunden - wie denn auch? Aber immerhin ist es nicht eckig, sondern rund genug, dass der geneigte Fan es immer wieder gerne rollen lassen wird. Fazit: Lässt so einige der letztjährigen Prog-Beiträge souverän alt aussehen und könnte die zweite Liga schon bald hinter sich lassen.

Anspieltipps:

  • Weight Of The World
  • Irony Tower
  • Turning Tides
  • Out

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