Mutter - Text Und Musik - Cover
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Mutter Text Und Musik


  • Label: Clouds Hill/Rough Trade
  • Laufzeit: 43 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein bisschen Rio Reiser und Erinnerungen an die NDW. War früher wirklich alles besser?

Die Berliner Band Mutter macht immer wieder damit von sich reden, dass ihre Texte von Bedeutung seien. Solch eine Aussage ist vorerst mit Vorsicht zu genießen, denn mehr inhaltliche Tiefe, als die Liebe als Abrissbirne zu besingen, erreicht man nicht nur als Musiker ziemlich schnell. Ihr im Jahr 2010 erschienenes Album „Trinken Singen Schießen“ fand jedoch durch Bezugnahme auf Deutschlands schwärzeste Stunde, die NS-Zeit, besondere Aufmerksamkeit. Und so mutig ein solches Vorgehen auch ist, bleibt auch nach knapp 30 Jahren Bandbestehen die Frage, wie man so ein Thema toppt oder wenigstens in Perspektive bringt. Wie lässt sich ein Album schreiben, das die politischen Züge nicht so stark in den Fokus nimmt? Ein Anfang ist natürlich, bereits mit dem Albumtitel den simplen Grundgedanken hinter den neuen Liedern zu verbreiten. Es handelt sich nämlich schlichtweg um „Text Und Musik“.

War „Trinken Singen Schießen“ ein historisches Statement, dann versucht „Text Und Musik“ mehr die Jetztzeit einzufangen. Die Single „Wer Hat Schon Lust So Zu Leben“ ist als unausgesprochene Kritik am Ausländerhass allerdings weiterhin Beweis dafür, dass Mutter gar nicht auf Politisches verzichten möchten. Manch einer wird diesen Titel sogar als Toleranztrack des Jahres feiern, da die Ambivalenz des Textes eine Kritik von Hass am Fremden per se zulässt. Solange Menschen weiterhin in allen Bereichen durch Unterschiede Exklusivität erschaffen, muss es auch Texte geben, die diese gesellschaftlichen Probleme behandeln.

In Anbetracht dieser aufgeladenen Nummer erscheinen einfach wirkende Beobachtungen wie in „Früher Oder Später“ und dem instrumentalen „Qui?“ wie nötiges Durchschnaufen, um sich nicht in Ernsthaftigkeit zu ersticken. Denn mit „Am Abend“ und „Land Der Freien Waffen“ setzen sich die Wahlberliner gleich wieder mit schweren Themen in Form von persönlicher Freiheit auseinander. Inhaltlich ist „Text Und Musik“ wieder ein Schwergewicht geworden, auch wenn die weniger prägnanten Zeilen im Opener oder auch in „Fehler“ und „Ihr Kleines Herz“ viel Interpretation und Einfühlung benötigen.

Musikalisch ist das Album dagegen erneut sehr geradlinig geraten und bleibt wohl weiterhin der Grund dafür, dass Mutter auch weiterhin nicht auf größeren Bühnen spielen. Der beste Inhalt bringt schließlich in kommerzieller Hinsicht nichts, wenn sich die Ergebnisse nicht in Gehörgänge fräsen. „Wer Hat Schon Lust So Zu Leben“ und auch „So Viel Platz“ sind zwei Beispiele, die kurz davor stehen Radiolandschaften erobern zu können. Doch ähnlich wie zum Beispiel bei Joyce Hotel ist die Musik in erster Linie Stimmungsträger und trägt schwere Gefühle auf authentische und nicht minder leicht verdauliche Weise. Wo Mutter als Träger von Botschaften immer weiter reifen, haben die Musiker in den Bandmitgliedern noch nicht den letzten Zugang gefunden, diese Botschaften mit Klängen zu verbinden. In Anbetracht der Themen dieses Albums ist es jedoch völlig in Ordnung, dass die Unterhaltung nur die zweite Geige spielt.

Anspieltipps:

  • Wer Hat Schon Lust So Zu Leben
  • So Viel Platz
  • Am Abend

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