Einar Stray Orchestra - Politricks - Cover
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Einar Stray Orchestra Politricks


  • Label: Sinnbus/Rough Trade
  • Laufzeit: 43 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Kleine Band ganz groß: Das fünfköpfige Einar Stray Orchestra besticht durch eine Klanglandschaft, die wie selbstverständlich unterhaltend und anspruchsvoll ist.

Das Einar Stray Orchestra stimmt auf den kommenden Herbst ein. So wie viele andere norwegische Künstler bevorzugt die fünfköpfige Band gedeckte und moll-lastige Grundtöne. Das Quintett ist dabei durchaus in der Lage, die Töne so anzuhäufen, dass sie tatsächlich den Eindruck einer größeren Formation erwecken. Sie verschaffen der Musik aber trotzdem genügend Dynamik und Entfaltungsmöglichkeiten, damit sie nicht in Ehrfurcht und Düsternis erstarrt. Dazu bewegen sie sich in Minimal-Art-, Indie-Rock- und Pop-Gefilden, fügen Jazz-Akkorde oder A-cappella-Passagen ein und verwenden Elemente aus moderner Orchestermusik. Diese Stilmittel verknüpfen und verdrehen sie miteinander. Sie verwöhnen mit romantischen Teilen das Ohr, es gelingt ihnen aber auch, mit wiederkehrenden Rhythmen das Zeitgefühl zu verformen.

„Honey“ deutet durch hämmerndes Piano-Klingeln am Anfang einen Weckruf an. Dann gleitet der Titel glitzernd über Berge und Seen, bevor der Gesang den Hörer auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Die Musiker benutzen Fantasie und Beweglichkeit sowie Verführungskunst und Spielwitz, um die Unterhaltung umfassend, kompromisslos und mächtig zu gestalten. Es entsteht ein dramatisch-kunstvoller Rausch, der über 8 Minuten andauert. Als würden Kaizers Orchestra mit Prefab Sprout eine Aufnahme-Session gebucht haben, so klingt „Politricks“. Pop trifft auf Bombast, Kunst trifft auf Leidenschaft. Unbändige Lebensfreude durchströmt „Pockets Full Of Holes”, auch wenn zwischendurch leisere Töne zur Besonnenheit mahnen.

Unbarmherzig schreitet die Zeit voran. Das symbolisiert „Thrasymachus”. Und wieder ist da diese kosmische allumfassende Wahrheit zu spüren: Alles ist im Fluss, alles ist Energie. Es gibt nur Wandel, nichts geht verloren. Das Einar Stray Orchestra lässt keinen Raum für halbe Sachen. Es gibt sich pur, klar und geläutert. Deshalb braucht das Quintett für „For The Country“ auch keine Instrumenten-Begleitung. Die Kraft ihrer Stimmen reicht zur Freisetzung ergreifender Emotionen. Flirrende Streicher sorgen bei „Aleksander“ für Bilder von Weite, Ungewissheit und gespannter Erwartung. Da erscheint „Montreal“ im Vergleich dazu spröde, denn schrammende E-Gitarren und eckige Tempowechsel versuchen sich gegen den Wohlklang durchzusetzen. Dieser bekommt bei „Qualia“ wieder die Oberhand und lädt zum versunkenen Zuhören ein. Er verdrängt aber nicht die Aufmerksamkeit, die benötigt wird, um dem wechselnden Aufbau zu folgen. „Envelope“ nimmt den eben gesponnenen Faden auf und führt über ein solides Piano/Gitarren-Thema zu einem kammermusikalischen Übergang, der sich dann zum mächtigen Schluss auftürmt. Was sich auf den ersten Blick vielleicht wie ein wild zusammengewürfeltes, unpassendes Sammelsurium an musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten darstellt, wird aber in Wirklichkeit stimmig und anregend in Form gegossen.

Das Einar Stray Orchestra besteht aus Ofelia Østrem Ossum (Cello/Piano/Gesang), Åsa Ree (Violine/Gesang), Simen Aasen (Bass/Gesang), Lars Fremmerlid (Schlagzeug/Gesang) sowie Namensgeber Einar Stray (Piano/Gitarre/Gesang). Die Gruppe kann vielfältige Emotionen und Assoziationen erzeugen, musiziert fragil oder kompakt und hat erstaunliche Arrangement-Ideen. Das ist Musik für Hirn und Herz, berauschend schön und prickelnd. So sollte Pop-Musik häufiger konzipiert werden. Mehr davon!

Anspieltipps:

  • Honey
  • Politricks
  • Thrasymachus
  • Aleksander
  • Qualia

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