Juli - Insel - Cover
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Juli Insel


  • Label: Island/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 44 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Und jetzt alle: „Ich bin hier, ich bin frei! Ich bin hier, ich bin frei!“

Okay, mal Hand aufs Herz: Seitdem es Bands wie Wir sind Helden, Silbermond und eben Juli waren, die in der ersten Hälfte der Nullerjahre für einen regelrechten Boom von deutschsprachiger Musik in den Medien - insbesondere im Radio - gesorgt haben, warf man jede vergleichbare Band direkt in denselben Topf. Klar, die Helden hatten immer eine Sondergenehmigung, aber der Rest? Juli, Silbermond, jedoch auch völlige Nullnummern wie Etwas oder Herbstrock waren in den Augen der Hörer und besonders in denen der Kritiker eh ein und dieselbe Band. Auch heute noch. Während sich Silbermond nach und nach in Sachen Peinlichkeit unterbieten konnten, Durchhalteparolen schwangen, dass gerade mal der beinharteste RTL2-Zuschauer nicht vor Fremdscham im Boden versank, allerdings riesigen Erfolg damit hatten und haben, ist es bei Juli ganz anders gekommen. Vergleicht man beide Bands - und das werden die meisten sowieso tun - fällt auf, dass die Gießener bereits auf ihrem Debüt sehr viel filigraner vorgegangen sind und immer ein ganz anderes Ziel hatten.

Schon der Rhythmus der Albumveröffentlichungen spricht Bände. Im schnelllebigen Pop-Business sind vier Jahre zwischen zwei Longplayern eine (kommerziell absolut tödliche) Ewigkeit. Dennoch entschieden sich Eva Briegel (Gesang), Andreas Herde (Bass), Marcel Römer (Schlagzeug), Jonas Pfetzing und Simon Triebel (beide Gitarre) zum zweiten Mal dafür, sich eine so lange Zeit zu nehmen. Sofern sie diese genutzt haben, um an ihrem vierten Album „Insel“ zu arbeiten, hatten sie jedenfalls Erfolg. Bereits auf „In Love“ (2010) war der Schmetterling aus dem Kokon geschlüpft und „Insel“ ist eine logische Konsequenz, welche von Juli großartig gezogen wird.

Natürlich gibt es wieder beschwingtere Songs, welche Singlequalitäten aufweisen können. Da wären die erste Single, welche gleichzeitig auch Opener, Titeltrack und mit reichlich Airplay gesegnet ist. Oder das an „Elektrisches Gefühl“ angelegte „Wasserfall“ - der leicht elektronische Einschlag ist geblieben, die Indie-Chöre im Hintergrund ebenso. „Es ist nicht viel“, „Nichts brauchen“ oder „Wenn das alles ist“ sind dagegen flotte Pop-Rocker, die tatsächlich wieder eine Brücke zu den ersten beiden Alben Julis schlagen können und den Geist dieser gekonnt mit der Neuausrichtung von „In Love“ verbinden. Jede dieser Kompositionen geht direkt ins Ohr, hätte die Chance eine zukünftige Single zu werden. Gleichzeitig drücken melancholische und nachdenkliche Gewichte das Songmaterial aus dem Mainstream heraus. Nach dem tonnenschweren „In Love“ haben Juli hier wieder eine luftigere Seite an sich entdeckt, vermeiden dank wirklich guter Lyrics sowie angenehmer und wirkungsvoller Instrumentierung aber das gefürchtete (und ihnen viel zu oft attestierte) 08/15.

Es hat sich eh mittlerweile herauskristallisiert, dass ein Album der Gießener eben von Albumtracks und nicht von potentielle Singles lebt. Mit dem ziemlich am Anfang stehenden „Wenn sich alles bewegt“ haben Eva Briegel und ihre Jungs beispielsweise so etwas wie einen quintessentiellen Song am Start. Keine „Perfekte Welle“, sondern eine Nummer, welche wie kaum eine andere für die Band stehen könnte, die demonstriert wie sich Juli zehn Jahre nach ihrem Debüt anhören, die alle Stärken zusammenfasst und die ein deutlicher Beweis für den stetigen qualitativen Anstieg darstellt. Die ruhigeren Lieder tun ihr Übriges und sind das Herz von „Insel“. Die groß angelegte Melancholie, die Sentimentalität und eine Prise Nostalgie ziehen sich wie rote Fäden durch die gut 44 Minuten von „Insel“ und überstrahlen den Kitsch-Anteil (welcher sicherlich auch vorhanden ist) mit Leichtigkeit. „Jetzt“ pendelt beispielsweise zwischen Ruhe und kaum erwarteter Opulenz hin und her. Während „Eines Tages“ mit entwaffnender Naivität aufwartet, dokumentieren „So fest ich kann“ deutsches Spießbürgertum, ohne dabei zu sehr zu werten, und „Plattenbau“ gleichförmigen Alltag („Es lebe die Tristesse“). „2004“, tatsächlich nicht selbstreferenziell hinsichtlich des Debütalbums „Es ist Juli“ und der Karriere Julis, sondern ein Song über gescheiterte Liebe, ist schließlich der Höhepunkt von „Insel“ und vielleicht die beste Komposition, welche die Band jemals über dieses Thema geschrieben haben.

Lediglich mit „Hallo Hallo“, welches durch dezenten männlichen Backgroundgesang erweitert wird, schießen Juli ein wenig über das Ziel hinaus und platzieren sich zu sehr zwischen 2Raumwohnung und Mia. Selbst wenn der Song wirklich fein geschrieben wurde und besonders gegen Ende einen überraschend hypnotischen Sog erzeugt, bleibt er Geschmackssache. Das tut der durchweg hohen Qualität von „Insel“ aber keinen Abbruch. Mit diesem vierten Studiowerk untermauern Juli weiter die Emanzipation von Acts mit denen sie verglichen werden. Es zeigt ganz natürlich, dass diese Band schon immer einen anderen Weg eingeschlagen hat und lässt sie diesen weiterhin gehen. Es war und ist der richtige Weg. Natürlich werden weiterhin die Silbermond-Vergleiche kommen, welche vorrangig von Kritikern geäußert werden, die auch heute lediglich den Wellen-Hit kennen. Wirklich verglichen werden sollten Juli eher mit Tomte, Kettcar oder Tocotronic. Wäre zwar auch falsch, aber weniger falsch. Fakt ist, dass die gebotene Qualität der Band Recht gibt und nicht ein eventueller Erfolg. Das ist alles, was zählt.

Anspieltipps:

  • Wenn sich alles bewegt
  • Nichts brauchen
  • 2004
  • Wenn das alles ist
  • So fest ich kann

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