Tokio Hotel - Kings Of Suburbia - Cover
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Tokio Hotel Kings Of Suburbia


  • Label: Island/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 39 Minuten
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4/10 Unsere Wertung Legende
4.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Chapeau an die Produzenten, Mitleid für die Band.

Vor knapp zehn Jahren war Magdeburg der Nabel des Teenie-Pop. Bill Kaulitz (Gesang) und sein Bruder Tom (Gitarre, Keyboard), sowie Georg Listing (Bass, Piano, Keyboard) und Gustav Schäfer (Schlagzeug, Perkussion) sorgten für einen Medienrummel, der nicht nur minderjährige Mädchen in Ohnmacht fallen ließ, sondern auch ehrwürdige Journalisten abseits der Boulevardpresse nötigte, sich mit dem Phänomen Tokio Hotel zu beschäftigen, um auf die explosionsartig angestiegene Popularität des Vierers zu reagieren. Kein Tag verging, an dem keine neuen Erkenntnisse über die sexuelle Ausrichtung der wandelnden Fönschaum-Dauerwerbesendung Bill ans Tageslicht kamen oder erklärt wurde, wieso die Jungs zu dem geworden sind, was sie sind. Jeder wollte ein Stück vom Kuchen haben, doch nach drei Studioalben, einigen fragwürdigen Drogen- und Sexbeichten, sowie handgreiflichen Stalker-Attacken hieß es erst einmal raus aus Deutschland und in Amerika dem Ruf nach einer kleinen Dosis Anonymität nachzugeben.

„Als wir in die USA kamen, konnte ich den Namen Tokio Hotel nicht mehr hören. Ich hatte alles so satt“, gibt Sänger Bill, der vom wandelnden Anime-Charakter zu einer tätowierten, von Piercings behangenen Kopie des Placebo-Sängers Brian Molko mutiert ist, zu Protokoll. „Wir hatten die Lust verloren, wir waren so ausgelaugt, wir hatten nichts mehr zu erzählen.“ Ein Neuanfang musste her. Weg von den seichten Anfängen als Rockband, die mehr Schein als Sein bedeutete, hin zu etwas physisch Greifbarem, einer Reinkarnation als ernstzunehmende Popband, die genau weiß, was sie will. Die ersten Lebenszeichen nach der mäßig erfolgreichen, musikalischen Bankrotterklärung „Humanoid“ (10/2009) uferten in ein Promo-Video zu „Girl got a gun“, einem Song, dessen phrenetischer Beat abgesehen von Autotune-Vergewaltigungen und hysterischen Effektspielereien zusätzlich von einem unsäglich dummen Text („Girl got a gun, girl got a gun, gun, gun / Girl got a gun, girl got a gun / Bang! Bang!“) überdeckt wurde. Darin zu sehen war übrigens ein masturbierender, blauer Hund, der aus seinem Penis weiße Tischtennisbälle poppen ließ, während er von einer Darstellung der indischen Gottheit Shiva und anderen skurrilen Gestalten verfolgt wird.

Im gleichen Zuge veröffentlichten Tokio Hotel als Vorgeschmack auf das kommende Werk „Kings Of Suburbia“ den Track „Run, run, run“, in dem mit Kopfstimme und den Weltschmerz umarmendem Gestus die letzten Jahre in eine 3 ½ minütige Klavierballade gepackt wurden. Kein Instant-Hit, aber zumindest ein bemühter Versuch, endlich als Musiker, denn lediglich als PR-Marionetten, ernst genommen zu werden. Zu guter Letzt folgte „Love who loves you back“, eine Nummer, die nicht nur im dazugehörigen Video, das eine jugendfreie Massenorgie im Stile von Patrick Süskinds „Das Parfüm“ zelebrierte, heftig nach allen Seiten kopulierte, sondern auch einen musikalischen Gangbang in Richtung zartem Synthie-Pop à la Empire Of The Sun oder Hurts vollführte. Als eigenständige Identität zwar keineswegs zu gebrauchen, aber zumindest als lästiger Ohrwurm funktionierte der Ausflug in die 80ies überraschend gut. Ganz im Gegensatz zum dazugehörigen, nach Aufmerksamkeit schreienden und offenkundig obszön wirkenden Vagina-Cover, das unter den Fans für Kopfschütteln sorgte. Im Gespräch befanden sich die Herrschaften mit dieser Dreifaltigkeit an ausgetüftelter PR aber auf jeden Fall und einem standesgemäßen Comeback stand nun nichts mehr im Wege.

Ob dies aber so eintreffen wird und Tokio Hotel wieder von Heerscharen von kreischenden Mädels umzingelt werden, darf bezweifelt werden, immerhin ist die musikalische Ausrichtung auf „Kings Of Suburbia“ dermaßen ungewohnt, das man sogar als hartgesottener Radiohörer erst einmal verdutzt die Platte anstarrt und sich fragt, ob es sich nicht um eine Fehlpressung mit Songs einer anderen Band handelt. Am besten wäre es in diesem Fall, die Akteure hinter der Platte komplett auszublenden und rein die Musik auf sich wirken zu lassen, denn wenn man sich damit abgefunden hat, dass hier nicht Bill, Tom, Georg und Gustav die Regler bedienen, sondern einfach eine gesichtslose Masse an Musikschaffenden, dann könnte man an dem vierten Werk der Magdeburger tatsächlich Gefallen finden. Zum Gelingen dieses Unterfangens haben vor allem die Produzenten David Jost (Lady Gaga, Selena Gomez, Adam Lambert), Dave Roth (Melanie C, Patrick Nuo), Patrick Benzner (Die Lollipops, Oli P. ), Peter Hoffmann (Falco, Vicky Leandros) und Rock Mafia (Miley Cyrus, Justin Bieber, Ellie Goulding) beigetragen, die den vier Jungs ein homogenes, wärmendes Klangbild gemalt haben, das sich behutsam in die Gehörgänge legt. Als radikaler Neuanfang sind die elf Tracks zwar viel zu behutsam geraten, es hätte aber auch wesentlich schlimmer kommen können.

Die Mischung aus Trennungs- und Weltschmerz, gepaart mit Liebeskummer und diversen elektronischen Versatzstücken aus den 80er- und 90er- Jahren, die in jüngster Vergangenheit zu einem überschaubaren Revival geführt hat, stand größtenteils Pate. Stücke wie das düster zuckelnde „Feel it all“, das an eine B-Seite zu Aviciis „Shame on you“ erinnernde „Covered in gold“ oder der schon fast zu souverän und abgebrüht wirkende Titeltrack mit seiner A-ha-trifft-Depeche-Mode-auf-einem-Hurts-Konzert-Mentalität zeugen von dem aalglatt produzierten, aber ungemein anschmiegsamen Credo der Platte. Hier geht es nicht darum, den Jungs eine zweite Chance als New Wave/Eurodance/Synthie-Pop-Helden zu geben, sondern ein Werk zu erschaffen, das sich durch alle Alters- und Zielgruppen schlängeln kann, ohne zu viel Aufsehen zu erregen, dabei aber ausreichend eingängig bleibt, um nicht sofort als uninteressant und langweilig abgestempelt zu werden. Das balladeske „Invaded“ mit seiner doppelten Kitschrahmstufe fällt ähnlich wie „Run, run, run“ oder das hysterische „Girl got a gun“ zwar etwas aus dem Rahmen und würde sich maximal beim nächsten Eurovision Song Contest ausgesprochen wohl fühlen, trotzdem ist man den Jungs nicht annähernd so böse wie damals, als mit der Rockballade „Spring nicht“ vom zweiten Album „Zimmer 483“ (02/2007) Metallica verunglimpft wurde.

Ja, irgendwie ist „Kings Of Suburbia“ auf den zweiten Blick gar nicht so schlecht, wie man es glauben würde. Dummerweise ist die Band an sich bereits der größte Stolperstein. Georg und Gustav könnte man angesichts der vorrangig digitalen Aufbereitung in die Freiheit entlassen und Bills dünne Stimme („Die Produzenten liebten es, wenn ich direkt aus den Clubs ins Tonstudio kam um meine Vocals aufzunehmen“), die ohnehin ständig durch unzählige Filter und Autotune-Spuren gejagt wird, durch ein Computerprogramm ersetzen. Die Unterschiede würden nicht allzu gravierend ausfallen. Am Ende bleibt ein mit kleinen Abstrichen perfekt produziertes Stück Synthie-Pop, das Fans von 30 Seconds To Mars, Empire Of The Sun, Hurts, Depeche Mode, Coldplay, Alphaville, Linkin Park oder Tears For Fears gleichermaßen ansprechen soll, an dessen Ende man sich aber nicht mehr daran erinnern kann, ob hier eine echte Band am Werk war oder nur eine Gruppe Musikschaffender, die nicht selbst in Erscheinung treten wollte und als Identifikationsfiguren Bill, Tom, Gustav und Georg verpflichten ließ. Im Grunde genommen ist bei Tokio Hotel also selbst nach fünfjähriger Abstinenz alles beim Alten geblieben.

Anspieltipps:

  • Love Who Loves You Back
  • Kings Of Suburbia
  • We Found Us

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