Wendy McNeill - One Colour More - Cover
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Wendy McNeill One Colour More


  • Label: Haldern Pop Recordings
  • Laufzeit: 45 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Verstörend und poetisch, vertrackt und melodisch. Die windschiefe Kunst der Wendy McNeill.

Wie ein Märchenbuch für Erwachsene fasst und hört sich “One Colour More” an. Eine Hardcover Ausgabe mit allen Song-Texten, die von dunkel-romantischen bis märchenhaft-verspielten Bildern begleitet wird und direkt in Wendy McNeills Traumland führt. Es ist ein verwunschenes, manchmal bitterböses und furchterregendes Land, nicht umsonst wird sie unter Folk Noir oder Prarie Gothic eingeordnet. Ihre Stimme nimmt einen an die Hand und fordert „One Colour More“ oder erzählt von „Owl And Boy“, von „Papusza And The Crows“, setzt Kontraste wie „Wide The Wonder - Wild The Hunger“, wobei rot und schwarz als vorrangige künstlerische und klangmalernde Farben auftauchen.

Wendy McNeill setzt Widerhaken: Mit ihrer Stimme, ihren Texten und den Songstrukturen und Melodiebögen, die Brüche aufweisen und unerwartete Wendungen nehmen. Sie phrasiert geheimnisvoll, elegant und emotional. Als geborene Kanadierin spricht sie französisch, in jener Sprache intoniert sie das windschiefe Chanson „J’Arrive à la Ville“, das sich mit Akkordeon und Trommel wie ein altes dunkles Tanzlied immer schneller werdend um die eigene Achse dreht. Und „When The Strangest Weeds Take Hold“ klappert und pocht, als wäre McNeill Geistes- oder Blutsschwester von Tom Waits. „Seems this prairie has made a wolf of you“, heißt es da, wogegen ihr „September“ mit so schönen Zeilen wie „and your dreams were full of miracles / and colours that we’d never seen“ daherkommt.

Ihr „Civilized Sadness - March 16, 1988 Lament“ ist von einnehmender und direkter Poesie: „I can’t show you the border / on a man-made map“. Einige Zeilen später die bildhafte Schönheit ihrer Worte „I hear her singing to the plums and the grapes / see her nimble hands sewing cotton and lace“, mit zartem Zungenschlag vorgetragen, dazu Pianolichter und ein tiefenbrummelnder Kontrabass. Wiederholt kommt auch McNeills Spiel auf dem Akkordeon zum Tragen, bei dem man sich fragt, ob es Versöhnlichkeit nur vortäuscht. Es wird als wiederkehrendes, dramaturgisches Motiv verwendet, lehnt sich an Brecht/Weill-Kunst und ans französische Chanson.

Wendy McNeill ist ein ebenso verstörendes wie poetisches Album gelungen. Dass sie Tanz an einer Kunstschule studierte, schwingt zwar subtil bei den Stücken mit, bleibt jedoch ihren gleichsam rhythmisch wie melodisch vertrackten Liedern untergeordnet. Die Schubladisierung hat bei der in Schweden lebenden Kanadierin keine Chance, auf jeden Fall hat sie die Bezeichnung Ausnahmekünstlerin verdient.

Anspieltipps:

  • One Colour More
  • Civilized Sadness - March 16, 1988 Lament
  • When The Strangest Weeds Take Hold
  • September

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