Herbert Grönemeyer - Dauernd Jetzt - Cover
Große Ansicht

Herbert Grönemeyer Dauernd Jetzt


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 60 Minuten
Artikel teilen:
6/10 Unsere Wertung Legende
4/10 Leserwertung Stimme ab!

„Der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst, weil er verdrängt“. Vielleicht auch dieses Album.

Obwohl Herbert Grönemeyer (58) mit mehr als 13 Millionen verkauften Tonträgern, unter denen sich mit „Mensch“ (08/2002) der mit über 3,7 Millionen abgesetzten Einheiten kommerziell erfolgreichste Longplayer Deutschlands befindet, zu den Supertankern der Popmusik zählt, kann ihm nicht nachgesagt werden, dass seine Alben grundsätzlich auf den leichtverdaulichen Geschmack der Masse zugeschnitten wären. Der Wahl-Londoner ist nicht nur mit seinen Texten oftmals kompliziert und verschachtelt unterwegs, auch die Musik, die meist vor den Texten entsteht, schreckt auf Albumlänge nicht vor Experimenten zurück und pendelt zwischen poppigen, rockigen und elektronischen Elementen. Das führt dazu, dass sich der Hörer mit den Werken Grönemeyers länger auseinandersetzen muss, wenn er den berühmten Zugang finden möchte. Beim seinem letzten Album „Schiffsverkehr“ (03/2011) war dies bis dato am extremsten ausgeprägt. Doch auch Longplayer Nummer 14, „Dauernd Jetzt“, ist kein Überfallkommando in Sachen Eingängigkeit.

Dabei hat Herbert Grönemeyer schon mit der ersten Singleauskopplung „Morgen“ wieder eine großartige Hymne geschaffen, in der er plötzlich nicht mehr so sehr knödelt (der Hörer versteht tatsächlich den Text!) und für die er zusammen mit seinem Produzenten und musikalischen Partner Alex Silva eine spannende Struktur entworfen hat, in der sehr behutsam mit der Melodie umgegangen wird. Ein Stück, das sich langsam entwickelt und Zeit braucht, weil dem Hörer der Refrain nicht wie sonst üblich brachial mehrfach um die Ohren gehauen wird. Dagegen wird im darauffolgenden „Wunderbare Leere“ umso mehr gerockt und geknödelt, was sich im Verlauf des Albums als absolute Rarität herausstellen soll.

„Dauernd Jetzt“ ist ein sehr stark von Balladen und ruhigen Titeln wie „Verloren“, „Pilot“, „Neuer Tag“ oder auch „Fang mich an“ geprägtes Album geworden. Mit dieser charakteristischen Melancholie fordert Herbert Grönemeyer den Hörer heraus. Denn er passt sich mit seinen Songs der jahreszeitbedingten Herbststimmung an und zieht sein Konzept konsequent durch. Damit bleibt er sich treu, indem er sein neues Album unter ein imaginäres Banner stellt. Und so wird aus vergangener Wut, Angst und Hoffnung heuer eben Melancholie.

Dazu fährt der 58-Jährige hypnotische Beats, flankiert von feinen Piano-Melodien, auf („Roter Mond“), er setzt auf die bewusst reduzierten Klänge einer akustischen Gitarre („Ich lieb mich durch“) und er behandelt spezielle Themen wie den Bergbau im Ruhrgebiet („Unter Tage“) und das Schicksal von Flüchtlingen („Feuerlicht“). Dabei geht es zumeist ruhig und im Midtempo verharrend zu. Nur selten drückt Grönemeyer aufs Tempo. Etwa im rhythmischen „Unser Land“, in dem er in einen bellenden Gesang verfällt und zur Lage der Nation Stellung bezieht oder in dem plakativen Stück „Einverstanden“, das fast schon in die Elektro-Pop-Ecke einsortiert werden kann.

Mit dem gesellschaftskritischen „Uniform“ liefert Herbert Grönemeyer zudem einen seiner bekannt gegen den Strich gebürsteten Songs ab, in dem es eine Schweineorgel à la The Doors und Streicher-Parts von Apocalyptica zu hören gibt. Der ungewöhnlichste Track ist aber das Stück „Der Löw“, der, wie der Titel schon andeutet, Fußball zum Thema hat. Dabei handelt es sich aber nicht um eine dumpfe Stadion- oder Partyhymne, sondern um eine abstrakte Aufarbeitung der Weltmeisterschaft 2014. Fazit: Kontrovers. So wie das gesamte „Dauernd Jetzt“-Werk eher kontrovers als einfach ist. Grönemeyer badet in gefühlter Schwermut und baut die gesamte Atmosphäre des Albums um diesen Zustand herum auf. Das kann mit entsprechenden Kompositionen funktionieren, ist aber dennoch ein schmaler Grat, da das Konzept über die gesamte Spielzeit von einer Stunde tragen muss. Damit tun sich die „Dauernd Jetzt“-Songs das eine oder andere Mal schwer.

Anspieltipps:

  • Pilot
  • Morgen
  • Verloren
  • Feuerlicht
  • Roter Mond
  • Wunderbare Leere
Neue Kritiken im Genre „Pop“
6.5/10

When We Land
  • 2019    
Diskutiere über „Herbert Grönemeyer“
comments powered by Disqus