Julian Casablancas - Tyranny - Cover
Große Ansicht

Julian Casablancas Tyranny


  • Label: Cult Records/Rough Trade
  • Laufzeit: 63 Minuten
Artikel teilen:
4/10 Unsere Wertung Legende
6.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Julian Casablancas kokettiert mit Extremen. Indie-Rock, Noise und Punk, gepaart mit Songwriter-Strukturen, ergibt: Hipster-Krach.

Man kann Julian Casablancas vieles vorwerfen, aber nicht, es sich gemütlich gemacht zu haben. Auch wenn sich seine Art des gniedeligen, Glam-Rock-Soli infizierten Indie-Rock des 21. Jahrhunderts nicht mehr ändert, er mit den Strokes vielleicht nur noch drei gute Songs pro Album schafft, Casablancas probiert sich munter aus.

Nach einer wahren, jahrelangen Gastauftrittswut, die mit der Daft-Punk-Kollabo gipfelte, jetzt also Soloalbum Nr. 2, beziehungsweise eben doch nicht, weil Casablancas + The Voidz ja ein neues Projekt sein wollen.

Nun, der Songwriting-Diktator mag ein neues Projekt haben, an den Zügeln, die schon immer in seinen Händen zu ruhen hatten und die seine Hauptband an den beständigen Rand der Auflösung bringen, ändert sich gar nichts. Der Mann, der mit den Strokes die sogenannte Rettung des Rock vor dem schrecklichen Regime des Nu-Metal zu verantworten hatte, spielt hier dick aufgetragenen poppigen Noise Rock mit streng coolen Dissonanzen.

Eine mutierte Version der Strokes ist dabei herausgekommen: Lakonischer und besoffen wirkender, aber genauestens choreographierter Gesang auf der einen Seite, bisweilen sinnfreies Gitarrengewichse und schneller und dreckiger gespielte Melodieläufe auf der anderen. Nein, das reicht nicht mehr, Julian, auch wenn du Unvergessliches geleistet hast. Du treibst hier ein wenig Schund an den Genres des Protests und gesellschaftlichen Widerstands. Noise und Punk brauchen ein Mindestmaß an naiver Authentizität, an echter Wut, und auch wenn du nie geleugnet hast, ein Rich Kid aus dem Großstadtloft zu sein, und wirklich jeder Mensch zur Ventilierung von Wut berechtigt ist, fehlt hier die Konkretion, der Boden für all die Störgeräusche, für all die schiefen Melodien, für all den charmant-doppelbödigen Krach. Die Songs auf „Tyranny“ fühlen sich seltsam leer an, obwohl auf ihnen so viel so schnell passiert. Meistens ist es wie in „Fathers Electricity“ oder „Where No Eagles Fly“: Es beginnt ganz krachversprechend, bricht sich dann jedoch rasch in die gewohnte Strokes-Formel aus Melodienverschränkung in den Strophen. Plötzlich will es in den geprügelten Refrains nicht mehr zünden und endet nur noch nervtötend.

Die besten Indie-Rock-Platten machen schon seit langem nicht mehr Casablancas' Strokes, sondern Bands wie Spoon, und die kommen nicht aus einer trendgebärenden Metropole. Jetzt. mit seinen Voidz, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diesmal die Großstadt ihre eigenen Revolutionäre gefressen hat und ordentlich Oberflächlichkeiten, hier: Hipster-Krach, generiert.

Anspieltipps:

  • Where No Eagles Fly
  • Father Electricity

Neue Kritiken im Genre „Rock“
7/10

Alles Fliesst
  • 2020    
Diskutiere über „Julian Casablancas“
comments powered by Disqus