At The Gates - At War With Reality - Cover
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At The Gates At War With Reality


  • Label: Century Media/UNIVERASL
  • Laufzeit: 44 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Rückkehr der Death-Metal-Legenden erweist sich als präziser Schlag in die Magengrube, bei dem man dankend um mehr bittet.

Die heilige Dreifaltigkeit des Göteborg Sounds erfuhr 1996 einen herben Rückschlag. At The Gates, ihres Zeichens die Meister hinter dem monumentalen „Slaughter Of The Soul“ (11/1995), trennten sich auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Das verbleibende Doppel In Flames, die mit „The Jester Race“ (02/1996) dem Subgenre Melodic Death Metal ihren Stempel aufdrückten, und Dark Tranquillity, die den Klassiker „The Gallery“ (11/1995) dem Triumvirat beisteuerten, versuchten fortan das Erbe auf ihre Art und Weise weiterzuführen, was im Falle von In Flames dieses Jahr mit dem Album „Siren Charms“ (09/2014) zu einer völligen Abkehr von den eigenen Wurzeln führte und nicht nur Die Hard-Fans sauber vor den Kopf stieß. Doch die Gebete wurden erhört und nach fast über 20 Jahren offenbarte sich ein Lichtblick mit der Ankündigung eines neuen Studioalbums der Großmeister Tomas Lindberg (Gesang), Anders Björler (Gitarre), Martin Larsson (Gitarre), Jonas Björler (Bass) und Adrian Erlandsson (Schlagzeug).

Wer glaubt, es handele sich bei dem Werk um ein simples Schwelgen in Nostalgie, sozusagen um das Äquivalent einer Neubearbeitung eines alten Filmklassikers, der irrt. Gewaltig! „At War With Reality“ ist nämlich alles andere als ein letztes Aufbäumen einer Handvoll alternder Musiker, die es noch einmal wissen wollen. Die Platte ist schlicht und ergreifend der legitime Nachfolger zu „Slaughter Of The Soul“, dessen Veröffentlichung nur einfach etwas länger auf sich warten ließ. „Unser Ziel war es, oldschool zu sein, gleichzeitig aber auch sicherzustellen, dass alles zeitgemäß klingt. Was wir nämlich nicht wollten, war in der Vergangenheit festzuhängen“, gibt Sänger Tomas zu Protokoll und unterstreicht damit die gelungene Gratwanderung aus Vergangenheit und Gegenwart, die dem fünften Werk der Schweden innewohnt und nicht nur mit Produzent Fredrik Nordström (Ceremonial Oath, Arch Enemy, Opeth, The Haunted), der sich schon für „Terminal Spirit Disease“ und „Slaughter Of The Soul“ im Studio befand, einen alten Bekannten ins Boot geholt, sondern auch mit der Wahl von Jens Bogren (Soilwork, Paradise Lost, Amon Amarth, The Ocean) hinter dem Mischpult eine mehr als fachkundige Person für das Unterfangen At The Gates 2014 verpflichtet hat.

Wie es sich für ein Comeback dieser Größenordnung gehört, fällt der Opener „El altar del dios desconocido“ (zu Deutsch „Der Altar des unbekannten Gottes“) nicht gleich mit der Tür ins Haus, sondern beschwört erst einmal seelenruhig in spanischer Sprache die Geister der Vergangenheit, um mit dem anschließenden „Death and the labyrinth“ gleich den ersten Treffer in der Magengrube zu versenken und angesichts der präzise knüppelnden Rhythmusabteilung, welche sich einen offenen Schlagabtausch mit Lindbergs heiserem Organ liefert, ein breites Grinsen in das Gesicht des Hörers zu zaubern. Der Titeltrack nimmt daraufhin einiges an Fahrt auf und knallt böser und durchtriebener durch die Boxen, während „The circular ruins“ als geradliniges, aber dafür umso aggressiveres Trümmerfeld die Nackenmuskulatur in Schwingung versetzt. Eine mehr als geniale Breitseite setzt der Fünfer dann mit „Order from chaos“, einer anfangs gemächlichen Nummer, die im Laufe ihrer 3 ½ minütigen Laufzeit mehr und mehr Momentum aufnimmt und kurz vor Schluss eine kathartische Schwedentoderuption setzt, die für hängende Kinnläden sorgt.

Ordentlich auf die Zwölf und das in glänzender 1A mit Sternchen-Ausführung gibt es im Circle Pit-Hexenkessel „The book of sand (the abomination)“, „Heroes an tombs“ setzt hingegen auf atmosphärische Midtempo-Grooves, die im Albumender „The night eternal“ erneut aufgegriffen werden, hier aber wesentlich mehr Raum bekommen und mitunter gar etwas unnötig gestreckt wirken. Eine Fusion aus der Vorwärtsgewandtheit der alten Scheiben und der tieftönenden, wie glasklaren Abmischung von Bogren bieten die beiden Prügler „The conspiracy of the blind“ und „The head of the hydra“, allerdings holen die beiden Tracks aus der erprobten At The Gates-Formel nicht mehr als nette Melodic Death Metal-Standardkost heraus. Diesen Vorwurf müssen sich „Eater of gods“ und „Upon pillars of dust“ zum Glück nicht gefallen lassen, die beiden Todesbleigranaten mutieren nämlich mit einer gelungenen Mischung aus fulminantem Riffing, moshendem Rhythmusskelett, punktgenau eingespielten Soli und einem bissigen Tomas zu Dauergästen im Schädeltrauma-Kabinett.

Wirklich sparen können hätten sich die Schweden allerdings das Instrumental „City of mirrors“, das weder besonders aufregend, noch sonderlich innovativ als Ruhepol dienen soll und in vorliegender Form nur vom Headbangen abhält. Möglicherweise war die Nummer aber auch für das Konzept hinter „At War With Reality“ notwendig, das sich mit „magischem Realismus“, einem „Subgenre des Surrealismus, bei dem Magie als Teil des alltäglichen Lebens verstanden wird“, auseinandersetzt. Frei nach dessen näherer Umschreibung „Wenn etwas in die Realität eindringt, das zu sonderbar ist, um es glauben“, gebärdet sich auch die fünfte Langrille von Lindberg, Björler, Larsson und Erlandsson als etwas, das nach fast 20 Jahren Wartezeit beinahe zu perfekt ist, um es wirklich zu glauben. Hoffen wir, dass der Nachschlag nicht weitere zwei Dekaden auf sich warten lässt!

Anspieltipps:

  • Eater Of Gods
  • Order From Chaos
  • Upon Pillars Of Dust
  • The Book Of Sand

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