U2 - Songs Of Innocence - Cover
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U2 Songs Of Innocence


  • Label: Island/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 48 Minuten
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5.5/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Der U2-Virus hat zugeschlagen. Dabei ist digital nicht immer besser, auch wenn Tocotronic das anders sehen.

Vor gar nicht allzu langer Zeit war die Veröffentlichung eines neuen U2-Albums ein Großereignis in der Musikbranche, inklusive vor Glück sabbernder Fans und wie an der Wall Street gehandelter Veröffentlichungstermine. Dieses fast schon heilige Fan-Ritual wurde nun schwer beschädigt. Denn das 13. Studioalbum „Songs Of Innocence“ wurde am 9. September 2014 an die mehr als 500 Millionen Apple-iTunes-Nutzer verschenkt. Einfach so, wie aus dem Nichts. Für fünf Wochen hielten die Apple-Kunden das exklusive Hörrecht an dem Werk. Erst danach durfte Otto Normalverbraucher Geld dafür ausgeben und es kaufen. Da kommt Freude auf.

Diesen Spaß hat sich Apple eine unbekannte Pauschalzahlung an Universal Music und U2 sowie mehr als 100 Millionen Dollar für den Werbeauftritt kosten lassen. Durch die Garantiezahlung sind U2 den Druck von rapide gesunkenen Verkaufszahlen los (der Vorgänger „No Line On The Horizon“ aus dem Jahr 2009 setzte vergleichsweise schwache fünf Millionen Einheiten ab) und Apple bekam für seine neuen Produkte zusätzliche Aufmerksamkeit. Damit ist dieser Deal eine klassische Win-Win-Situation.

Oder vielleicht doch nicht? Ganz so banal geht die Rechnung jedenfalls nicht auf. Denn zum einen entsteht durch das Verschenken von Kunst ein Werteverfall, den nicht jeder tolerieren mag. Schließlich leben die meisten Künstler von dem Verkauf ihrer Kunst. Multi-Millionäre wie U2 und Großkonzerne wie Universal können das locker sehen. Hier sind Verkaufszahlen nur noch die Untermauerung von persönlichen Eitelkeiten und eine Garantiezahlung allemal besser als tröpfelnde Einnahmen aus CD-Verkäufen. Zum anderen fanden es nicht alle iTunes-Nutzer witzig, dass Apple ihnen automatisch und ungefragt das Album in die privaten Mediatheken pflanzte. Und plötzlich dreht sich der Wind und der als positiv erwartete Effekt wird zum Bumerang.

Nach der in den Charts abgeschmierten und nicht auf dem Longplayer enthaltenen Vorabsingle „Invisible“, steht das von Danger Mouse, sowie Flood, Paul Epworth, Ryan Tedder und Declan Gaffney produzierte „Songs Of Innocence“ durchaus unter Druck. Rein künstlerisch versteht sich. Das bringt bereits die Produzenten-Liste zum Ausdruck, die sowohl klassische Strukturen (Flood, Danger Mouse), als auch frische (elektronische) Einflüsse (Ryan Tedder, Paul Epworth) miteinander verbindet. Und tatsächlich wagt „Songs Of Innocence“ einen 48-minütigen Spagat, der es scheinbar allen Hörerschichten recht machen will, ohne dass U2 dabei künstlerisch etwas riskieren würden. Das ist enttäuschend! Denn die Experimentierlust der Iren ist seit „Achtung Baby“ (11/1991) ebenso geschätzt wie gefürchtet. Stillstand ist dagegen der Tod.

Soweit ist es mit U2 gewiss noch nicht, doch „Songs Of Innocence“ zählt zu den zahnlosesten Werken in der langen Geschichte der Band. Zwar blitzen hier und da die markanten Riffs von The Edge auf, werden Harmonien verwendet, die sofort auf U2 schließen lassen und das Pathos-Gekrächze von Bono ist eh unverkennbar. Doch Geniestreiche gibt es keine zu bewundern. Vielleicht weil der Arschtritt von Brian Eno fehlt, vielleicht, weil U2 fünf Jahre nach ihrem letzten Album einfach nichts Besseres auf die Kette bekommen haben.

So sind die kratzigen Gitarren im Kontrast zu den fluffigen Rhythmen in „The miracle (of Joey Ramone)“ zwar typisch für U2, aber nicht so zwingend wie gewohnt. „Every breaking wave“ ist eine klassische Halbballade, die mit dem „The Joshua Tree“-Sound spielt, aber nicht hängenbleibt. Und Titel wie „Iris (hold me close)“, „Song for someone” und „California (there is no end to love)“ sind nichts weiter als blanker Durchschnitt. So bleibt wirklich zwingendes Material wie das treibende „Volcano“, das mit beherzten Gitarrenriffs ausgestattete „Cedarwood road“ oder das im Duett mit der Schwedin Lykke Li vorgetragene „The troubles“ klar in der Unterzahl, wodurch das 13. Album von U2 eine ernüchternd durchschnittliche Angelegenheit geworden ist.

Anspieltipps:

  • Volcano
  • The troubles
  • Cedarwood road
  • Every breaking wave
  • Sleep like a baby tonight

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