Flying Lotus - You´re Dead! - Cover
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Flying Lotus You´re Dead!


  • Label: Warp/Rough Trade
  • Laufzeit: 38 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

You fear Jazz, don’t you? The lack of rules and boundaries. The shapes, the chaos!

In der britischen TV-Landschaft gab es vor einigen Jahren, zu der Zeit veröffentlichte Steven Ellison sein erstes Album, eine Comedy-Serie, die sich „The Mighty Boosh“ nannte. Fast zehn Jahre später fällt einem zu Ellisons neuestem Werk folgendes Zitat aus der ersten Staffel ein: „You hate jazz? You fear jazz, don’t you? You fear the lack of rules. The lack of boundaries. Oooh! It’s a fence! No, it’s soft! Ahhhh! What’s happening? The shapes! The chaos!“ Eine Kurzbeschreibung dessen was den Hörer auf „You’re Dead!“ erwartet.

Der oberen Definition von Jazz folgend hat Ellison als Flying Lotus schon immer Jazz gemacht. Aus zerhackten Samples und klimpernden Hintergrundrauschen Musik am äußersten Rand des HipHop komponiert, noch verkorkster als die des Genrekollegen und Veteranen Prefuse 73. Doch „You’re Dead“ ist erstmals frontaler Jazz, zugegeben immer irgendwo zwischen bewusster Komposition und ziellosem Noodling. Doch die lange charakteristischen, jazzigen Basslines von Freund und Schützling Thundercat, die entfernte Verwandtschaft zu den Coltranes und die ersten Ansätze auf Flying Lotus’ Meisterwerk „Cosmogramma“ tragen Früchte. „You’re Dead!“ sucht seinesgleichen.

Es ist Ellisons fünftes Album als Flying Lotus und sein konzeptionell bei weitem am meisten durchdachtes. „You fear Jazz, don’t you?“, gewinnt eine völlig neue Bedeutung, wenn Flying Lotus auf der Reisebeschreibung zur Todeserfahrung, „Theme“, den Hörer ins kalte Wasser wirft, wenn die Ambientsphäre in Wasserfällen aus Gitarren, Keyboards und Schlagzeug zusammenbricht und sich wie ein Loch im Boden auftut. Ellison beschreibt auf „Tesla“, „Cold Dead“ und „Fkn Dead“ sein Bild der Sterbeerfahrung, durchzogen von Atonalität, Hi-Hats, Saxophone wie Achterbahnfahrten und einem nur verschwommen wahrnehmbaren, regelmäßigen Beat.

Wie schon auf seinen früheren Werken wechseln sich Vocals mit einer Vielzahl an kurzen, rein instrumentellen Tracks ab und so folgt schließlich auch „Never Catch Me“ mit Rap-Größe Kendrick Lamar als erste Raststätte, die wie das Album selbst ständig zwischen wildem, verzerrten Gitarrenspiel, durcheinander wirbelnden Schlagzeugen und konstantem Beat und Ruhepassagen alterniert. Neben Lamars Raps ist es eben diese Abwechslung, die Barber-Shop-Chor-Einlagen in den Ruhepassagen, die den Track zu einem der besten auf dem Album machen.

War „Never Catch Me“ die Ode an die Freiheit im Tod ist „Dead Man’s Tetris“ die Ode an eben jene, die in beiden Sphären am Leben sind. FlyLos alter Ego Captain Murphy und Snoop berappen auf dem Track verblichene Meister wie J. Dilla und Freddie Mercury. Die Ruhe des schleppenden Beats währt nicht lang, „Turkey Dog Coma“ ist der Inbegriff des Tempowechsels, doch die folgenden Tracks sind wieder ruhig gehalten. Ellison hüpft von einer musikalischen Sphäre in die nächste, die kleinen Tracks zwischendrin, die mehr Fahrt aufnehmen wirken wie Sprungbretter. Nach dem fulminanten, unruhigen Auftakt wird „You’re Dead!“ immer ruhiger. „Turtles“ und „Ready Err Not“ sind wie Flauten, die „Eyes Above“ und „Moment of Hesitation“ zwar mit Tempo, aber auch viel Struktur beenden.

Folgetracks „Descent Into Madness“ und „The Boys Who Died In Their Sleep“ verdeutlichen die fatale Wirkung der neuen Eindrücke, die auf den Toten einwirken: Orientierungslosigkeit und Verzweiflung. „Obligatory Cadence“ und „Your Potential/The Beyond“ machen die Erfahrung mit ihren warmen Tönen zu einem kurzen Eindruck, Closer „The Protest“ wirkt nicht nur wie Abschluss des Albums und der Toderfahrung sondern mit seinem hellen Chor wie eine Auferstehung.

„You’re Dead!“ ist in viele kleine Tracks zerstückelt, wie um jeder kleinen Idee ein eigenes Bett zu bereiten. Flying Lotus nutzt die Gelegenheiten, um ständig das Tempo zu wechseln und vielseitige Brücken zwischen den längeren Stücken zu schlagen. Das gibt dem Album verstärkt das Gefühl einer Reise, besser gesagt einer Odyssee der Wechselhaftigkeit, der Eindrücke und vor allem Psychedelik. Drogeneinfluss war schon immer ein explizites Hauptthema der Stücke Ellisons. „DMT“ auf „Until the Quiet Comes” aber auch „Dead Man’s Tetris“ und „The Boys Who Died In Their Sleep“ sind beste Beispiele. Ellison sollte als Flying Lotus jetzt aufhören, denn jetzt ist es am schönsten. Mit Captain Murphy steht sowieso bereits sein HipHop-Projekt in den Startlöchern.

Anspieltipps:

  • Never Catch Me
  • Coronus, The Terminator
  • Turtles
  • Ready Err Not
  • The Boys Who Died In Their Sleep

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