Miss Kenichi - The Trail - Cover
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Miss Kenichi The Trail


  • Label: Sinnbus/Rough Trade
  • Laufzeit: 44 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.8/10 Leserwertung Stimme ab!

The Trail enthält herbstlich-kühle, besinnlich-dämmrige Song-Skizzen, die von Miss Kenichi mit Bedacht und Sinn für den Zauber eines anmutigen Augenblicks aufbereitet werden.

Miss Kenichi heißt eigentlich Katrin Hahner und legt jetzt ihre dritte Arbeit seit 2005 vor. Ihren Künstlernamen hat sie einem japanischen Anime entliehen und bezeichnet sich selbst als eine Künstlerin, die an altmodischen Werten hängt. Ihre Ergebnisse sollen nicht nur saisonal beschränkt gültig sein, sondern eine längere Haltbarkeit aufweisen. Stand die Gitarre noch im Mittelpunkt ihrer ersten beiden Alben „Collision Time“ (2006) und „Fox“ (2008), so möchte sie bei „The Trail“ die Einbeziehung anderer Instrumente sowie breitere, weitläufigere Arrangements und mehr Dynamikabstufungen ausprobieren. Dabei unterstützt sie hauptverantwortlich und prägend der Schlagzeuger Earl Harvin, der bereits mit Air und Joe Henry zusammengearbeitet hat und zurzeit Drummer bei den Tindersticks ist. Als Co-Produzent wurde er maßgeblich in den Entstehungsprozess der neuen Aufnahmen eingebunden, die in dem Berliner Chez Cherie Studio stattfanden. Bei diesem Aufnahmeraum handelt es sich um ein großes Zimmer ohne separate Kabinen. Die Musiker saßen also während der Einspielung der Songs zusammen, spürten die Spannung, konnten interagieren und mussten sich leise verhalten, wenn sie grade Pause hatten. Es entstand die Situation einer Zwangssymbiose, die zusätzliche spontane Emotionen freilegen konnte.

„Tale Of Two Rivers” lässt an die Velvet Underground-Chanteuse Nico denken, die nach dem Verlassen der Band mit ihren verzweifelt-düsteren Solo-Exkursionen Kult-Status erlangt hat. Zwar hat Miss Kenichi nicht die gleiche verzweifelte Grabeskühle, doch der Einsatz des Harmoniums erzeugt hier eine ähnlich sakrale, bedächtige Stimmung. Raffiniert, grazil und abgeklärt, wie man es auch von Laura Marling kennt, baut Katrin Hahner ihre Kompositionen auf. Das Titelstück „The Trail“ ist dafür ein Musterbeispiel. Verloren, fast nur hingetupft, schälen sich die Konturen langsam hervor und offenbaren einen unheilvollen, geheimnisvollen Song. Er wirkt wie spontan entstanden, sympathisch unausgereift, voller Leben und echter Gefühle.

Für „Whatever“ gebührt der Musikerin der Titel Miss Doom. Unheil und Verderben wird heraufbeschworen, was aber nur als kurzer Zwischenruf angelegt ist. Zunächst nur von der E-Gitarre begleitet, wächst sich der minimalistische Folk von „Who Are You“ zu einer abendlichen, grauen Geschichte aus, die auch im Leonard Cohen-Universum ihren Platz finden könnte. Knochentrocken und spröde wie ein Velvet Underground-Song ist die Basis von „Bobby Bacala“. Darauf wurde ein schläfrig-sperriger Dream-Pop-Folk gepfropft, der sich in Zeitlupe davonschleicht. „The Ghost” stolpert nervös durch dämmrige Straßen. Die Grundlage bildet ein Boogie, der bis aufs Skelett bloßgelegt wurde. Im Mittelteil wird es unheimlich und ruhig, bevor die merkwürdige Reise fortgesetzt wird. Mit „Interlude” folgt ein instrumentales Klangspiel, das wie ein Pausenzeichen eingebettet wurde.

Der helle Gesang von „The Night” erleuchtet die Dunkelheit wie eine Taschenlampe. Der Song wird feingliedrig, mit Bedacht aufgebaut. Breit gefächerte Flötentöne sorgen für eine märchenhaft-exotische Stimmung. „Broken Bell” ist eine Ballade, die fast still zu stehen scheint. Die Noten werden zart angespielt, haben viel Raum und wirken verloren und sanft. Selbst das Feedback einer E-Gitarre ist nur ein fernes Donnergrollen am Horizont. Bei „Dream” sorgen fanfarengleiche Trompeten mit verlockenden Tönen für einen Schutzwall, den Miss Kenichi nutzt, um ihren Gesang einhüllen zu lassen. Zum Schluss kommt bei „Big Log“ wieder das Harmonium zum Einsatz. Dieses Mal klingt es beinahe maritim und nicht kühl, sondern behütend. Flankiert wird es von E-Gitarren-Akkorden, die das Basis-Thema unterstützen. Der Track ist langsam und hat einen angedeuteten Walzer-Rhythmus, der sich aber gegen die ruhig verlaufenden Strömungen nicht durchsetzen kann.

Miss Kenichi wollte erreichen, dass die Musik wie eine willkommene Erinnerung klingt. Trotz Erweiterung und Neuausrichtung der Instrumentierung lag ihr am Herzen, dass die Pausen und die Räume zwischen den Noten eine wichtige Rolle spielen. Die Songs bekommen dadurch eine rätselhafte, undurchsichtige Aura. Die Sängerin verleiht ihnen mit dem vorsichtig-kühlen Gesang eine bedrückend-schüchterne Distanz. Das Album lebt von seiner intim-filigranen Stimmung und der beschaulich-melancholischen Umsetzung. Der Hörer kann sich also ganz entspannt dem nebulösen Geschehen hingeben und die Freiräume mit Gelassenheit füllen.

Anspieltipps:

  • Tale Of Two Rivers
  • The Trail
  • The Ghost
  • The Night
  • Broken Bell
  • Dream

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