John Southworth - Niagara - Cover
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John Southworth Niagara


  • Label: Tin Angel/INDIGO
  • Laufzeit: 78 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

John Southworth erfindet Songs von hohem Niveau und unterteilt seinen neuen Songzyklus in eine kanadische und US-amerikanische Seite, die insgesamt ein breites musikalisches Spektrum abdecken.

Selten einen so variablen Songwriter gehört, der solch eine breite Palette von Ausdrucksmöglichkeiten besitzt und mühelos zwischen den Stilen wechselt. Dabei ist er in der Lage, nahezu alle Verästelungen überzeugend und wirkungsvoll in Szene zu setzen. Der in England geborene und in Kanada ansässige John Southworth macht Musik zum Genießen, die nachdenklich, aber auch schwungvoll sein kann. Egal, ob er sich ernsthaft oder unbekümmert zeigt, er kennt keine Limitierung hinsichtlich des Einsatzes von Instrumenten oder der zu verwendenden Arrangements. Die Ausgestaltung des Songs wird allein durch ihren Charakter bestimmt: Der beherzt vorwärts strebende Boogie „Hey I Got News For You” und der Swing-Tango-Hybrid „Fiddler Crossed The Border“ benötigen trockene, kurz angebundene Bläser, also bekommen sie sie. Und wenn die Ode an den Morgenhimmel („Ode To The Morning Sky“) erst durch einen himmlischen Frauenchor den nötigen sakralen Überbau erhält, dann wird er eben eingebaut.

Die anderen delikaten Folk-Pop-Tracks („The Horse That Swam Across The Sea”, „Folk Art Cathedral”, „Irish Tree Alphabet”, „A Day In The Forest”) zeichnen sich durch filigrane, intelligente Melodien und instrumentale Feingeistigkeit aus. Es werden hochwertige Folk-, Jazz- und Art-Pop-Zutaten einbezogen, die auf einen edlen Geschmack schließen lassen.

Wenn es besinnlich wird, kommen Erinnerungen an Paul Buchanan (The Blue Nile) oder Mark Hollis (Talk Talk) hoch, da der Vortragsstil dann eine ähnliche Intensität und Eigenständigkeit versprüht („Weird Woman“, „Butterfly Shadow“, „Women Are Disappearing“). Nicht nur aufgrund der Verwendung eines Vibraphons in Verbindung mit introvertierten Songs denkt man bei „Niagara Falls Is Not Niagara Falls“ und „She Is My Niagara Falls“ sogar an Tim Buckley.

John protzt mit einem Doppelalbum, das in eine kanadische und eine amerikanische Seite unterteilt ist und in Gänze auf eine CD gepasst hätte. Er sieht die amerikanische Seite eher dunkel, mythisch und metallisch, während sich die kanadische Färbung für ihn geräumig und beständig anfühlt. Der Höreindruck zeigt, dass die kanadische CD eher nach innen gerichtet ist und die risikofreudigeren Kompositionen beherbergt, während viele der amerikanischen Songs ihre Wurzeln im „Great American Songbook“ haben. So kann man Johns Fähigkeiten als Schnulzensänger mit Niveau im Stil eines Harry Nilsson bewundern („Pretty Angel Girl“, „Poor Boy From Buffalo“, „Loving You“) oder ein beruhigendes, ausgeglichenes Wiegenlied auf sich wirken lassen („Womb Of Time“). Während „If It Doesn't Please The Gods” Cabaret-Luft schnuppert, geht es bei „Halloween Election“ angeschrägt und rumpelig zu. Das Gegenstück dazu ist der liebliche, verspielt-romantische Pop-Song „Help Yourself To Diamonds”, der aus den „Pet Sounds”-Sessions der Beach Boys stammen könnte.

Die Niagara-Fälle, die Kanada und die USA zwischen Ontario und New York verbinden, stehen sinnbildlich für die natürliche Grenze zwischen zwei Kulturen. In dieser Ausprägung gleichen sie sich qualitativ an und präsentieren sich als zwei Seiten einer ähnlichen Medaille. Der Singer/Songwriter John Southworth überrascht seit 1998 immer wieder durch Hakenschläge und kreative Winkelzüge. „Niagara“ ist allerdings eine seriöse Songsammlung für den anspruchsvollen Pop-Hörer, der sich nicht scheut, ein weites musikalisches Terrain zu bereisen. John Southworth breitet dafür ein Füllhorn von Ideen aus und überzeugt durch die Genre-übergreifende, intensive und feinfühlige Umsetzung mit seiner 11-köpfigen Band „The South Seas“.

Anspieltipps:

  • Niagara Falls Is Not Niagara Falls
  • The Horse That Swam Across The Sea
  • Butterfly Shadow
  • Women Are Disappearing
  • Hey I Got News For You
  • Weird Woman
  • She Is My Niagara Falls

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