Richard Dawson - Nothing Important - Cover
Große Ansicht

Richard Dawson Nothing Important


  • Label: Domino Records
  • Laufzeit: 44 Minuten
Artikel teilen:
3/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Inkompetenz als Kunstform. Wer damit etwas anfangen kann, liegt hier goldrichtig.

Hier scheint der Name Programm zu sein. Ist es Ironie oder Selbsteinschätzung, dass Richard Dawson seine Schöpfungen unter dem Namen „Nothing Important“ unters Publikum bringen will? Der kann ja gar nicht Gitarre spielen, der übt ja nur auf einem recht niedrigen Niveau. Das sind die Gedanken, die einem unwillkürlich während der ersten Minute von „Judas Iscariot“ durch den Kopf gehen. Dann bekommt das Instrumentalstück, das Richard Dawson auf der E-Gitarre zum Besten gibt, langsam Strukturen. Hinter den schlampig angeschlagenen Akkorden verbirgt sich ansatzweise eine Melodie. Nach einer weiteren Minute fallen dann die zaghaften Konturen wieder in sich zusammen und man hört nur noch vereinzelte Töne, die aber nicht im Zusammenhang miteinander zu stehen scheinen. Nach etwa viereinhalb Minuten wird es dann wieder kakophonisch. Stellenweise klingt das wie eine Parodie auf Jimi Hendrix‘ „Star Spangled Banner“. Diese Beschreibung ist aber nur der verzweifelte Versuch, diesen Geräuschen irgendeine Bedeutung zu geben.

Zum zweiten Stück „Nothing Important“ singt er auch noch. Nicht schön, aber selten. Das hört sich wiederum an, wie ein völlig neben sich stehender Robert Wyatt. Er bewegt sich in Tonlagen, die offenbar nicht von seinem Stimmumfang abgedeckt werden. Das Gehabe erinnert an einen Betrunkenen, der torkelt, sich zusammenreißt, dann doch hinfällt, weil er sich überschätzt hat, wieder aufsteht und erneut versucht, klar zu kommen. Zumindest ist hier das Gitarrenspiel nicht ganz so schräg wie beim Eröffnungs-Stück. Ist das vielleicht Dadaismus? Ist man vielleicht ein Kunstbanause, wenn man das nicht nachvollziehen kann? Subjektiv betrachtet ist diese Musik jedenfalls fast unhörbar. Dieser Beitrag dauert über 16 Minuten und wenn man hofft, dass man das schlimmste überstanden hat, legt Richard Dawson noch eine Schippe drauf. Die Kombination von gewollt neben den Tönen gesetzten Gesang mit der unkonventionell amateurhaften Bedienung der Gitarre kann als eine neue Form von Anti-Songwriting beschrieben werden.

Beim nächsten Titel („The Vile Stuff“) gibt es einen Hoffnungsschimmer. Die Schräglage hält sich in den Grenzen, die man von den abseitigsten Songs von Captain Beefhearts „Trout Mask Replica“ gewohnt ist. Im Laufe des mehr als 16-minütigen Tracks entwickelt sich sogar eine Melodie. Richard könnte also doch richtige Songs verfassen, wenn er nur wollte. Auch das abschließende „Doubting Thomas“ ist nicht mehr ganz so unbequem und disharmonisch wie die ersten beiden Versuche, aber trotzdem weit davon entfernt, Spaß zu machen. Das ist wirklich krasses, anstrengendes Zeug, abseits von jeglichen Konventionen. Eine Zumutung, die den Hörer entweder entsetzt oder verblüfft zurück lässt. Richard Dawson serviert nur Spurenelemente von der gewohnten Vorstellung über Unterhaltungsmusik. Als Experimentalmusiker fordert er sein Gegenüber erbarmungslos heraus.

Manchmal glaubt man, uralten Folk als Basis zu erkennen, was aber schnell wieder verwischt wird. Die Erkennungsmerkmale werden total zerlegt und nicht wieder zusammengesetzt. Gute, konventionelle Ansätze einer Song-Idee werden brutal zersungen und zerspielt, das ist die pure Lust am Kaputtmachen. Eine ähnlich schwierige Platte hatten 1970 die Incredible String Band mit ihrer Ballettmusik „U“ herausgebracht. Auch diese Musik hatte in Folk-Kreisen für Verwirrung gesorgt, weil sie den Genre-Begriff sehr weit ausgelegt hatte und auch vor schrägem Material nicht zurückschreckte. Heute gilt das Werk als Klassiker. Nach der Zerstörung erfolgt bei Richard Dawson dann ein zaghafter Aufbau, der aber immer wieder eingerissen wird. Deshalb meint man, Ähnlichkeiten mit Free-Jazz herauszuhören. Auch im Punk zählte nicht unbedingt, dass man ein Virtuose ist. Hauptsache war, Gefühle wurden unverstellt und spontan rübergebracht.

Wer ist denn eigentlich dieser Richard Dawson, der manchmal von allen guten Geistern verlassen zu sein scheint? Er kommt aus der englischen Kleinstadt Newcastle Upon Tyne und gehört der Avantgarde-Kunst-Szene an. In diesem Zusammenhang beschäftigt er sich auch mit der Erstellung von Collagen und Bildern. Als Musiker hat er auch schon Soundtracks für Experimentalfilme aufgenommen, fühlt sich irgendwie aber auch der Folk-Szene verbunden.

Seine Musik kann nicht in übliche Kategorien eingeordnet werden und ist nicht anhand von herkömmlichen Mustern zu messen. Für den Pop-Hörer im weiteren Sinn ist „Nothing Important“ eine provokante, radikale, unharmonische, aufregende Beleidigung der Ohren. Für den kunstbeflissenen Musikliebhaber werden hier alle Ziele erreicht: Die Töne erregen Aufmerksamkeit und stemmen sich gegen eingefahrene Hörgewohnheiten. Unter der aktuellen Einschätzung bewegen sich die Aufnahmen auf dünnem Eis. Kunst oder Krampf, das ist hier die Frage. Manchmal entscheidet es sich allerdings erst im Rückblick, ob ein zunächst verstörendes Werk zum Freak-Klassiker gereift ist.

Anspieltipps:

  • The Vile Stuff
  • Doubting Thomas

Neue Kritiken im Genre „Art-Rock“
Diskutiere über „Richard Dawson“
comments powered by Disqus