Arca - Xen - Cover
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Arca Xen


  • Label: Mute/Goodtogo
  • Laufzeit: 39 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Verzerrung, Sound-Fragmente und kalter Futurismus auf voller Länge.

Alejandro Ghersi ist in Produzentenkreisen längst kein unbekannter Name mehr. Der gebürtige Venezolaner und Wahl-Londoner hat sich in den vergangenen zwei Jahren zum viel beachteten Produzenten und DJ entwickelt. Dessen Status fand wohl in seiner Zusammenarbeit mit Kanye West an Yeezus allgemeine Bestätigung. Zuvor hatten beide „Stretch“-EPs auf UNONYC, das „&&&&&“-Mixtape (sprich: Ampersand) und die Arbeit an FKA Twigs‘ „EP2“ seinen Karrierepfad gepflastert.

Doch Arca macht sich nicht nur mit seinen Produktionen um diesen Ruf verdient. Zusammen mit Künstler und Mitbewohner Jesse Kanda versteht es Ghersi, seinen Alter Ego in eine verstörende, verzerrte Sphäre zu hüllen. Die unförmigen, verfremdeten Gestalten aus verbeultem Plastik, verchromtem Metall und blaugeschlagenem Fleisch auf seinen Albumcovern und seine Horrortrip-gleichen Videos sprechen Bände. Um mit Ghersis Musik mitzuhalten, geben sie sich in Verrenkungen und mal gefühlvollen, mal unkontrolliert schnellen Bewegungen hin. Arca bestimmt mit Kandas Kunst und Videos den Kontext, in dem seine Arbeit rezipiert werden soll, und gestaltet damit gleichzeitig die Projektionsfläche seiner Sexualität und amorphen Identität.

„Xen“ sagt Ghersi, sei Porträt seines weiblichen Alter Egos mit eben jenem Namen. Ein Weg, diese Seite an ihm auszuleben, wie es in seiner Jugend in Venezuela zuvor kaum möglich war. Doch das muss er mit seinen vorigen Veröffentlichungen auch schon getan haben, denn „Xen“ spielt sich musikalisch in derselben Region ab, wie Arcas Werke zuvor. Es ist kalte, digitale Produktion im ständigen Wechsel von wabernden und piependen Synthesizern und schnalzenden Snares. Es liegt in Verzerrung und Futurismus der Musik von Daniel Lopatin sehr nahe, ist jedoch aggressiver und weniger melancholisch.

Dabei spielt der gelernte Klavierspieler auf „Xen“ viel mehr mit kristallenen Melodien, die den sonst so unberechenbaren Schichten an Beats und Synthies entrückt sind, als auf seinen älteren Werken. Das ist mithin die sicherlich größte Entwicklung, die Arca mit seinem neuen Album durchmacht. Tracks wie „Family Violence“ oder „Failed“ gewinnen dadurch an Narrative, die das „Ampersand“-Mixtape bei aller Innovation nicht bot. Arca bedient sich diesmal ebenfalls öfter melodiöser Vocal Samples (unter anderem „Fish“ und „Wound“), um seinen Sound zugänglicher zu machen.

„Xen“ ist die nahezu perfekte Gratwanderung zwischen experimenteller Attitüde und Identifikation. Alejandro Ghersi mag ein seltsamer Zeitgenosse sein, doch seine Musik bietet trotz aller Verfremdung allgemein verständliche Identifikationspunkte. Es macht das Album tatsächlich zu einer Reise in Arca’s Selbstverständnis als „Xen“. Zwar verspielt und quirlig, doch oft genug ernst. Immer zerbrechlich.

Anspieltipps:

  • Now You Know
  • Xen
  • Family Violence
  • Fish
  • Promise

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