TV On The Radio - Seeds - Cover
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TV On The Radio Seeds


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 52 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

„How much do I love you” - Ein Liebesbrief an eine komische Band.

Irgendwie ist es wie mit der pummeligen Mitschülerin in der Mittelstufe. Man weiß nicht warum, man kann es objektiv nicht erklären, man findet keine vernünftige Begründung, aber: Irgendwie findet man sie toll, bekommt Herzklopfen in ihrer Gegenwart, ist ein wenig verliebt. Es ist genau diese unerklärliche Faszination, die am besten beschreibt, welche Empfindungen das fünfte Album der New Yorker Jungs von TV On The Radio auslöst.

„How Much Do I Love You“. Sänger Tunde Adebimpes wehklagender Gesang eröffnet „Seeds“ und es dauert keine 20 Sekunden um gefangen zu sein. Erneut. Alben von TVOTR erzeugen eine eigene Stimmung, von dunkel und depressiv bis fröhlich und optimistisch. Adebimpes Stimme trägt all diese Emotionen, ohne besonders wandlungsfähig zu sein. Er vermittelt sie beiläufig, fast apathisch und scheint oft selbst nicht zu wissen, was im Rahmen so manches Songs aus seinem tiefsten Inneren zur Hörerschaft an der Oberfläche durchdringt. Ein faszinierendes Organ, wie gemacht für den teils schrägen Sound einer komischen Band.

Wobei: So schräg kommt der inzwischen fünfte Longplayer gar nicht mehr daher. „Happy Idiot“, im Vorfeld als Single ausgekoppelt, geht direkt ins Ohr, setzt auf einen catchy Refrain und zielt ohne Scham auf die Indie-Dancefloors dieser Welt. „Since you left me babe / it’s been a long way down“. Keine Frage, so massentauglich wie bei manchen Songs auf „Seeds“ kamen TVOTR noch nie daher. Verschachtelte und bisweilen epileptische Songs wie auf ihrem Überalbum „Dear Science“ sucht man anno 2014 fast vergebens.

„Seeds“ ist zugänglich, gewiss. Dennoch liegt auf vielen Songs eine subtile Traurigkeit, ein Schleier der Verletzlichkeit, von Kummer und Leid. Kurz nach dem Release ihres letzten Album „Nine Types Of Light“ erlag Bassist Gerrard Smith seinem Krebsleiden und - ob nun gewollt oder nicht - dieser Schicksalsschlag ist auch drei Jahre später allgegenwärtig in der Musik einer Band, die sich immer so sehr gegen einen inhaltlichen roten Faden in ihren Songs sträubte. Dennoch gerät Depression nie zum Selbstzweck, die musikalische Verarbeitung negativer Erlebnisse erfolgt stets unkonventionell und höchst interessant.

Der in diesem Zusammenhang vielleicht beeindruckendste Track des Albums ist „Test Pilot“. Todtraurige Lyrics, durchzogen von einem simplen, aber herzergreifenden Beat als Antithese zum Rest des Songs. „I remember when we were so cool / and you were the only one / And now I know that I was such a fool / thinking you’re the only one.“ Der Widerspruch zwischen Inhalt und Musik: Vielleicht eine der essentiellen Pointen eines TVOTR-Albums.

„Seeds“ dürfte ob seiner Zugänglichkeit Fans der ersten Stunde sauer aufstoßen. Neue Fangruppen werden mit der Platte ebenfalls nicht zu gewinnen sein, zu gewagt experimentiert Adebimpes Truppe auch anno 2014 mit inhaltlichem und musikalischem Widerspruch. Und dennoch: Jeder ernsthafte Musikliebhaber wird irgendetwas an diesem Album toll finden, es lieben und nie mehr missen wollen. Seien es treibende Popsongs wie „Happy Idiot“, unterschwellige Klagelieder wie „Test Pilot“ oder das wabernde „Careful You“. „Seeds“ ist eine Platte, die eigentlich jedem irgendwie gefallen muss, obwohl sie das eigentlich niemals wollte. Eine komische Band.

Anspieltipps:

  • Quartz
  • Careful You
  • Happy Idiot
  • Test Pilot
  • Ride

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