Lotus Thief - Rervm - Cover
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Lotus Thief Rervm


  • Label: Svart Records/CARGO
  • Laufzeit: 49 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Musik und Philosophie sind hier in einer bislang ungekannten Einheit verbunden, das Gesamtwerk bleibt trotz Komplexität ungezwungen und homogen.

Viele wissen es noch nicht, aber es ist Fakt: San Francisco hat eine sehr kreative Underground-Metal-Szene, welche in den vergangenen Jahren immer wieder mit interessanten Acts auf sich aufmerksam machen konnte. Dieses altbekannte Easy living in Frisco wird auch dann ad adsurdum geführt, wenn sich Lotus Thief aus den Kellern der Underground-Clubs an die Oberfläche kämpfen. Bezaelith (weiblicher Gesang, Bass, Gitarre, Synthesizer) und Otrebor (Schlagzeug) werden dann alles andere als Hintergrundbeschallung bieten und die volle Aufmerksamkeit des Hörers verlangen. Beide Musiker sind Genrekundigen bereits von (unbedingt anzuspielenden) Geheimtipps wie Botanist, Mina Loy, The Night Falls und/oder Ordo Obsidium bekannt, was in etwa ein kleiner Vorgeschmack darauf sein könnte, was sie in Form von Lotus Thief bieten wollen. Tatsächlich gehört „Rervm“ zur Sorte dieser kettensprengenden Alben, welche nur so vor Kreativität strotzen und einem angestaubten Genre neues Leben einhauchen. Aber der erste Streich von Lotus Thief ist auch fordernd und alles andere als Massenware.

„Rervm“ wird in Form eines Konzeptalbums präsentiert und behandelt das Lehrgedicht De Rerum Natura (Über die Natur der Dinge) des römischen Dichters und Philosophen Titus Lucretius Carus, besser bekannt als Lukrez (99 oder 94 bis 55 oder 53 vor Christus). Dabei nimmt jede Komposition des Albums eines der sechs postum, wahrscheinlich von Cicero veröffentlichten Bücher, als Basis für die gebotene Musik: Grundlagen, Phänomene, Vergänglichkeit der Seele und Widerlegung der Todesfurcht, Wahrnehmungs- und Affektenlehre, Darstellung der empirischen Welt, Meteorologie. Dabei wird sowohl englisch als auch lateinisch gesungen, wobei es sich bei den lateinischen Passagen um wortgenaue Zitate von Lukrez Werk handelt. Dementsprechend bewegt sich „Rervm“ in einer philosophischen Dimension, welche im Metal (und ab diesem Punkt auch gerne genreübergreifend bis hin zum Worte „Musik“) ihresgleichen sucht und eng mit der Grundlage verknüpft ist - das Lesen der Lyrics und/oder ein zusätzlicher Vergleich mit De Rerum Natura wird an dieser Stelle absolut empfohlen.

Die Ablehnung einer göttlichen Einmischung im Leben des Menschen spielt der atheistischen Grundhaltung des Black Metals dabei in die Karten. Dass De Rerum Natura als Aufklärungswerk behandelt werden kann, ist dagegen für das Genre ungewöhnlich. Generell ist Black Metal nur die Spitze des Eisbergs und liefert lediglich Elemente, die zum Teil des Ganzen werden. Schwer zu kategorisieren ist „Rervm“ sowieso: Post Metal, Doom Metal und Mantras zwischen Ambient, Shoegaze und okkultem Rock (siehe Sabbath Assembly) finden sich allesamt auf „Rervm“. Dabei sind die sechs Kompositionen als Gesamtwerk zu verstehen, welche zwar aus ihrem Gerüst genommen werden können, sich am liebsten aber in der ihnen angedachten Reihenfolge Stück für Stück entfalten und aufeinander aufbauen. Härtere Momente wie „Aeternum“, „Miseras“ und „Mortalis“ halten sich mit eher ruhigeren, fast schon intimen (zum Beispiel „Discordia“ und „Lvx“) die Waage. „Rervm“ lebt von solchen Extremen und Kontrasten und verbindet sie schlau, ohne Selbstzweck und ohne, dass dem Hörer der Gedanke kommen könnte, dass sich Bezaelith und Otrebor in einer Art intellektuellem Snobismus suhlen würden. Das tun beide definitiv nicht. Und dies gibt dem Album bei all der Komplexität eine Leichtigkeit und ein Selbstverständnis - sicherlich alles andere als die Regel!

Somit entsteht ein gleichermaßen faszinierendes wie auch komplexes und schwer zugängliches Werk, das nur von einer Handvoll Hörer entdeckt werden dürfte. Vielleicht ist „Rervm“ am Ende doch zu speziell, zu herausfordernd oder uneingängig - es gibt viele verschiedene Wege, es zu entdecken und sich ihm zu nähern. Sowohl als direkte Verknüpfung mit der literarischen Vorlage, als auch als bloßes musikalisches Erlebnis, kann der Hörer „Rervm“ sehen. Fest steht jedoch immer, dass der, der sich die Zeit nimmt und auf dieses ambitionierte Werk einlässt, mit immer neuen Details überrascht wird. Kurzum: Als typischer Grower besitzt „Rervm“ alles, was ein Album eines solchen Schlages benötigt und belohnt seine Hörerschaft. Die sehr gute Produktion, das Talent an den Instrumenten, der gute, passende Gesang von Bezaelith sowie das Potential, sich abseits des Hörens mit dem Stoff De Rerum Natura zu beschäftigen, macht „Rervm“ zu einem Gewinner, der sich mit Detailverliebtheit und Esprit vom Gros ähnlicher Veröffentlichungen absetzt.

Anspieltipps:

  • Aeternvm
  • Miseras
  • Discerde Credas
  • Lvx
  • Discordia
  • Mortalis

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