Diverse - Millions Like Us: The Story Of The Mod Revival 1977-1989 - Cover
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Diverse Millions Like Us: The Story Of The Mod Revival 1977-1989


  • Label: Cherry Red/Rough Trade
  • Laufzeit: 300 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
8.2/10 Leserwertung Stimme ab!

„Millions Like Us” beleuchtet ein bisher zu Unrecht weitgehend übersehenes Kapitel der Pop-Geschichte.

Jugendkulturen definieren sich häufig nicht nur über ein einheitliches Lebensgefühl, sondern auch über einen gleichgerichteten musikalischen Hintergrund. So hatten die Hippies die psychedelische Musik, die Teddy-Boys den Rock`n`Roll und die New Romantics den Synthie-Pop als Identifikationsvehikel. Neben großen kulturellen Umwälzungen gab es auch immer Nischen-Jugend-Bewegungen, die häufig auch geographisch und sozial begrenzt waren. So formte sich Anfang der 60er-Jahre eine Subkultur, die aus der Arbeiterklasse und der unteren Mittelschicht hervorging und ihre Hochburg in Großbritannien hatte. Diese selbsternannten Mods legten Wert auf das Tragen von adretten Anzügen, über die sie zum Schutz bei Rollerfahrten oft einen Parka zogen. Als Fortbewegungsmittel bevorzugten sie Motorroller der Marken Lambretta und Vespa. Musikalisch waren sie relativ vielfältig aufgestellt und mochten tanzbare schwarze Musik wie Ska, Soul, Rhythm & Blues und rhythmische Spielarten des Jazz. Aber auch die frühe englische Beat-Musik von The Who, The Kinks und The Small Faces gehörte zu ihrer favorisierten Richtung.

Nachdem die Szene zu Beginn der 70er-Jahre an Bedeutung verloren hatte, flammte das Interesse ab 1977 besonders durch die immense Popularität von The Jam um Paul Weller wieder auf. Angefeuert wurde die Wiederbelebung der Mod-Kultur zusätzlich 1979 durch den Film „Quadrophenia“, dem das gleichnamige Konzept-Album von The Who zu Grunde lag. In dem Streifen wurde die Mod-Bewegung aus Sicht der Jugendlichen beschrieben. Seinen Höhepunkt hatte das Revival zwischen Sommer 1979 und Sommer 1980 mit Top 40-Hits für Secret Affair, The Chords und The Lambrettas. „Millions Like Us“ dokumentiert nun ausführlich über vier CDs die Auswirkungen der zweiten Mod-Welle auf junge Musiker und trägt die wichtigsten Vertreter, die allerdings häufig nur Insidern bekannt waren, zusammen. Die teilnehmenden Bands führen den Geist des Beat der 60er-Jahre weiter, entstammen der Pub-Rock-Szene, lehnen sich am Punk an (mal mit mehr, mal mit weniger Pop-Einfluss), kultivieren den Power-Pop, verarbeiten New-Wave-Einflüsse oder haben gelegentlich Wurzeln im Rhythm & Blues oder Soul. Die Sparten Ska und Jazz bleiben bis auf wenige Ausnahmen weitgehend unberücksichtigt. Hauptsächlich wurde bei der Musik Wert auf Tanzbarkeit gelegt, um die langen Partynächte zu befüttern. Balladen sind deshalb nur selten zu finden (The Accidents - Blood Spattered With Guitars; Secret Affair - My World; Run 229 - Soho). Eine angemessene Frauenquote wird bei der Zusammenstellung auch nicht eingehalten. Nur Dee Walker darf ihr „Jump Back“ im Stil der 60er-Jahre-Pop-Sängerin Sandie Shaw vortragen und unter dem Pseudonym Eleanor Rigby gibt es noch einen charmanten Indie-Pop-Beitrag einer Sängerin, deren richtiger Name gar nicht mehr zu ermitteln war („I Want To Sleep With You“). Das Hauptaugenmerk liegt geographisch auf der Mod-Revival-Szene in Großbritannien. Vertreter aus Irland, den USA und aus Australien beweisen aber, dass diese Mode nicht gänzlich lokal begrenzt war.

Bei der Umsetzung dominierten einfache, schnell zündende Strukturen, was die Tänzer bei der Stange und den Adrenalinspiegel konstant hielt. Als zusätzliches Stimulans wurden auch gerne aufputschende Drogen genommen. Nicht jeder Song hier ist große Kunst, aber viele Lieder strotzen vor Leidenschaft, Energie und Enthusiasmus. Die Musiker nahmen ihre durch Testosteron gesteuerten Songs im Bewusstsein auf, dass sie zumindest die Helden von berauschendem Vergnügungen für eine Handvoll Eingeweihter werden könnten. Für die meisten der zusammengetragenen Künstler auf dieser musikhistorisch wertvollen Box hat sich der Traum von einer großen Karriere jedoch nicht erfüllt. Nur wenigen Künstlern war später ein größerer Bekanntheitsgrad vergönnt. Dazu gehört Shane McGowan, der hier mit der Gruppe The Nips vertreten ist. Er gründete dann 1982 die Punk-Folk-Band The Pogues. Mark Hollis wurde mit Talk Talk bekannt. Am Anfang seiner Karriere war er Mitglied bei The Reaction. Mick Talbot (Merton Parkas) bildete mit Paul Weller nach der Auflösung von The Jam die Formation The Style Council und Paul Young war vor seiner Solo-Karriere, die unter anderem den Single-Hit „Come Back And Stay“ abwarf, Sänger bei The Q-Tips. Außerdem sind Martin Blunt von den englischen The Charlatans, Mike Peters (The Alarm) und Rolo McGinty (The Woodentops) hier mit ihren musikalischen Gehversuchen zu begutachten.

Zu den Höhepunkten der Auswahl gehört der eingängige Pop-Punk der New Hearts im Ramones-Stil („Just Another Teenage Anthem“) sowie der an den frühen Elvis Costello erinnernde Pub-Rock von The Exits („The Fashion Plague“). Die New Hearts-Nachfolgeband Secret Affair punktet mit munterem Power Pop und die Purple Hearts (benannt nach einer Mod-Mode-Droge) gaben mit ihrer grandiosen Single „Millions Like Us“ der Sammlung ihren Namen. Der Titel ist eine Aufarbeitung von „Making Time“ der 60er-Freak-Beat-Formation The Creation. Back To Zero zollen den frühen The Kinks Tribut („Your Side Of Heaven”) und Squire versehen ihren verführerischen Power-Pop mit leichtem Ska-Touch („Walking Down The Kings Road”). Dem unbekümmerten, ausgelassenen Power-Pop frönen auch The Lambrettas („Go Steady”), während 9 Below Zero mit deftigem Rhythm & Blues auftrumpfen („Pack Fair And Square“). Dass Paul Young schon immer ein guter Blue-Eyed-Soul-Sänger war, beweist er mit den Q-Tips, die hier ein an Wilson Pickett angelehntes „S.Y.S.L.J.F.M. (The Letter Song)“ raushauen. The Amber Squad klingen wie Graham Parker & The Rumour in ihren Anfangstagen („Can We Go Dancing”) und der Garagenrock der Prisoners war schon immer kompromisslos, wie „Hurricane“ eindrucksvoll belegt. The Untouchables sind eine US-Band, die gekonnt Soul, Power-Pop und Rhythm & Blues mischt. Mit ihrem mitreißenden, von 1985 stammenden „Free Yourself“ schwimmen sie im Fahrwasser der englischen The Beat, die unter anderem mit „Mirror In The Bathroom“ (1980) einen Hit landeten.

Die Box bringt Licht in das Schattendasein vieler Mod-Bands der zweiten Generation und das ist gut so. Der Käufer findet ein sehr informatives Booklet vor, in dem zu jedem der 100 Songs wissenswerte Details zusammengetragen wurden. Bei den Tracks handelt es sich oft um rare Singles, die anderweitig gar nicht mehr oder nur schwer erhältlich sind. Die vier CDs vermitteln, welche Relevanz das Mod-Revival von 1977 bis 1989 als unterstützende Kraft einer aufbegehrenden Jugend für die damalige Umwälzung der Musikszene gehabt hat. Der Sound transportiert die Essenz des Rock`n`Roll: Rebellion und Spaß. Was diese Nische aber besonders interessant macht, ist ihre relativ breite musikalische Ausrichtung. Dies hätte bei der Zusammenstellung allerdings gleichberechtigter aufgezeigt werden können.

Anspieltipps:

  • THE NEW HEARTS - Just Another Teenage Anthem
  • THE EXITS - The Fashion Plague
  • SECRET AFFAIR - Time For Action
  • PURPLE HEARTS - Millions Like Us
  • BACK TO ZERO - Your Side Of Heaven
  • SQUIRE - Walking Down The Kings Road
  • THE LAMBRETTAS - Go Steady
  • 9 BELOW ZERO - Pack Fair And Square (previously unissued demo)
  • Q-TIPS - S.Y.S.L.J.F.M. (The Letter Song)
  • THE AMBER SQUAD - Can We Go Dancing
  • THE PRISONERS - Hurricane
  • THE UNTOUCHABLES - Free Yourself

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