Thompson - Family - Cover
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Thompson Family


  • Label: Concord/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 41 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

„Family“ dokumentiert den Versuch des Aufarbeitens der schwierigen Vergangenheit einer Patchwork-Musiker-Familie.

Bei den Thompsons präsentiert sich eine Patchwork-Familie mit vielen Talenten. Zu den beteiligten Musikern gehört der legendäre Folk-Rock-Gitarrist Richard Thompson, der seine Karriere bei der Genre-Institution Fairport Convention begann und heute zu den anerkannt versiertesten Gitarristen dieses Planeten gehört. Auch seine Ex-Frau Linda ist involviert. Die beiden haben zwischen 1974 und 1982 einige der betörendsten Folk-Rock-Alben aller Zeiten eingespielt. Mit dabei ist auch der gemeinsame Sohn Teddy Thompson, der die Idee des Projektes „Family“ initiiert und koordiniert hat, sowie dessen Schwester Kami mit ihr Mann James Walbourne. Den Familienclan machen dann noch Zak Hobbs (Teddys Cousin) und Jack Thompson, Richards Sohn aus 2. Ehe, komplett.

Für Teddy Thompson hatten die Aufnahmen außer der musikalischen Herausforderung, unterschiedliche Charaktere unter einen Hut zu bekommen, noch einen anderen Aspekt: „Mir war gar nicht klar, wie sehr ich versuchte, meine geschiedene Familie wieder zusammenzuführen", sagt er. „Als Erwachsene bringt uns die Musik einander wieder näher. Das Einspielen dieses Albums war therapeutisch für mich. Einige Schäden aus der Vergangenheit konnten wir womöglich reparieren“. Teddy war sich nicht sicher, wie sich die durchaus vorhandene kritische Masse der einzelnen Familienmitglieder untereinander bei gemeinsamen Aufnahmen auswirken würde. Deshalb schickte er E-Mails an die Musiker unter den Verwandten und schlug vor, dass jeder zwei neue Songs zum „Family“-Album beitragen soll. Die Vorlagen ließ er dann durch Ergänzungen seiner Eltern, sowie von seinem Schwager und Cousin nachbereiten. Er kümmerte sich bei der Betreuung darum, die Einzelteile so aufeinander abzustimmen, dass sich das Ergebnis so anhört, als wären die Beteiligten zusammen im Studio gewesen. Bei der Deluxe-Version des Albums liegt eine Making-of-DVD bei, die in einer knappen Viertelstunde die beschriebene Entstehungsgeschichte beleuchtet.

Das Projekt ist in weiten Teilen eine schlichte, wohltuend unspektakuläre Angelegenheit geworden. Wenn die Zutaten besonders gut zusammen passen, dann haben die Songs die Gänsehaut erzeugende Wirkung, die man sich bei dieser Konstellation erhofft. Das ist mindestens beim griffigen Folk-Rock „One Life At A Time” aus der Feder von Richard Thompson und bei den Balladen „Bonny Boys“ und „Perhaps We Can Sleep“, denen Linda Thompson ihre außergewöhnlich zart schmelzende, attraktiv-melancholische Stimme leiht, gelungen. Allerdings ertönt Lindas Gesang hier zerbrechlicher und brüchiger als gewohnt. Das kann daran liegen, dass sie mit einer stressbedingten Erkrankung zu kämpfen hatte, die sich auf die Stimmbänder legte. Das zeigt auch, wie tief die aufgewirbelten Emotionen auf dieses Vorhaben gewirkt haben.

Teddy Thompson legt im einleitenden „Family“ seine Rolle und Situation innerhalb der Familie offen. Als Sohn zweier außergewöhnlich begabter Eltern, die sich in einem hässlichen Ehekrieg trennten, als er sieben Jahre alt war, hatte er es schwer, seine Persönlichkeit unter traumatisierten Verhältnissen zu entwickeln. Teddys Schwester Kami steuert unbeschwerten Folk-Pop im Stil der Bangles bei, der durch Richards elektrische Gitarre, die die Luft vibrieren lässt, geadelt wird („Careful“). Zak Hobbs versucht mit munterem Folk-Picking Virtuosität einzustreuen, hat aber mit Richard übermächtige Konkurrenz, so dass sein Beitrag „Root So Bitter“ im Vergleich nur abfallen kann. Der Instrumental-Titel „At The Feet Of The Emperor” von Jack Thompson wird vom Bass geführt. Die Gitarren spielen darüber verschlungene und verwirrende Muster, was das Ganze neblig, konturlos und lautmalerisch erscheinen lässt. Mit über fünfeinhalb Minuten ist der Track dann auch deutlich zu lang. Klaren, erfrischenden, zupackenden Rockabilly-Twang bietet „Right”, komponiert von Teddy Thompson. Bei „That’s Enough“ wird Richard Thompson vom Familienchor begleitet, dadurch verliert der Song an Klarheit und Fokussierung. Das abschließende „I Long For Lonely” des Ehepaars Kami Thompson und James Walbourne ist eine wohlklingende Country-Folk-Nummer, die ein wenig an „Hickory Wind” der Byrds von “Sweetheart Of The Rodeo” erinnert.

Bei dem fraglos vorhandenen überdurchschnittlichen Potential vieler der hier beteiligten Musiker wäre unter harmonischeren, aufgeräumten, sich gegenseitig positiv beeinflussenden Gegebenheiten sicherlich ein noch besseres Ergebnis möglich gewesen. Man darf deshalb hoffen, dass dies nicht der letzte Versuch war, die Talente der Familie zu bündeln. Die ähnlich gelagerten Wainwrights (Loudon, Rufus und Martha sowie Kate McGarrigle und ihre Schwestern Jane und Anna nebst deren Anhang) haben es schließlich mit „The McGarrigle Hour” (1998) vorgemacht, wie man im komplizierten Familienverbund zusammen mit Freunden inspirierte Musik zustande bringen kann.

Anspieltipps:

  • Family
  • One Life At A Time
  • Perhaps We Can Sleep
  • That’s Enough
  • I Long For Lonely

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