Noel Gallagher´s High Flying Birds - Chasing Yesterday - Cover
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Noel Gallagher´s High Flying Birds Chasing Yesterday


  • Label: Sour Mash/INDIGO
  • Laufzeit: 43 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Nie wieder Songs für Liam: Mit ausgestrecktem Mittelfinger gegen die Vergangenheit.

„Wonderwall!“ Die ersten zehn Sekunden von „Chasing Yesterday“ geben den Noel-Jüngern mächtig was zu grübeln, so quasi-identisch ist der Einstieg von „Riverman“ mit dem Oasis-Brett von 1995. ‚Dreister Diebstahl’ würde man rufen, wäre es nicht Noel Gallagher selbst gewesen, aus dessen Feder der Übersong vom „Morning Glory“-Album stammt. Somit geht die Einlage locker als charmantes Selbstzitat durch.

Überhaupt ist Noels zweite Solo-Platte gespickt mit Rückschauen und Referenzen an das eigene Schaffen, sei es textlich oder wie im Opener musikalisch. Überraschend ist das nicht, die Erfolgsgeschichte von Oasis ist das wohl Einzige, das ihn und seinen Bruder Liam auch 2015 noch innig verbindet. Es braucht nur wenige Durchläufe von „Chasing Yesterday“, um sich final in der Vermutung bestätigt zu sehen, dass die Relevanz von Oasis stets darauf beruhte, dass Noel das markante Organ seines Bruders benutzte, um aus den eigenen fantastischen Fähigkeiten, eingängige Songs zu schreiben, das Maximum an Aufmerksamkeit herauszuholen. Ein Vergleich zwischen Liams neuer Band Beady Eye und Noels Schaffen nach der Auflösung ihrer Band beweist eindrucksvoll, dass Liam nie etwas anderes als die musikalische Marionette seines viel talentierteren Bruders war.

Hat man das Wonderwall-Déjà-Vu verdaut, entwickelt sich „Riverman“ prächtig, gespickt mit den klassischen Gitarrensounds Noel Gallaghers, angereichert mit Spielereien, die den unbedarften Ersthörer mindestens so überraschen wie der altbekannte Einstieg. Im Jahr 2015 lässt der Brite seine Songs tatsächlich mit Saxophon-Sound veredeln. Was „Wonderwall“ seiner Simplizität beraubt und vermutlich maßlos überfrachtet hätte, verleiht „Riverman“ eine gewisse Tiefe und Ausgefeiltheit. Nach drei Durchläufen scheint die Jazz-Einlage nicht mehr nur angenehm, sondern in höchstem Maße sinnvoll und man fragt sich, wie man auch nur eine Sekunde an ihr zweifeln konnte.

„In The Heat Of The Moment“ kommt mit lässigem „Nananana“-Sound daher, was wohl unsäglich nervtötend wäre, würde man nicht vor dem geistigen Auge Noel auf- und abspringen sehen, wie er seinem Bruder mit gebleckter Zunge zu verstehen gibt, wer von beiden der eigentliche Superstar ist. Da ist er wieder, dieser Ausflug in die Vergangenheit.

Seine größten Stärken hat „Chasing Yesterday“ im Mittelteil. „The Dying Of The Light“, „The Right Stuff“ und „While The Song Remains The Same“ sind wunderbar entspannte Songs, getragen von ruhiger Stimme und der so markanten Akustikgitarre, die schon die ruhigen Oasis-Outputs so besonders werden ließ. Nur einmal, in „The Right Stuff“, traut sich das Saxophon noch aus der Ecke und macht den Song zum chilligen Wohlfühlpopper, der wiederholt zeigt, dass Genregrenzen für Noel Gallagher anno 2015 dazu da sind, rigoros ignoriert zu werden. Ein wenig wirkt es, als würde er sich von einem songwriterischen Korsett befreien, in das ihn die Kollaboration mit seinem Bruder jahrelang gezwungen hatte. Mit der neu gewonnenen Freiheit kann Noel seine Talente noch freier und damit noch besser ausleben und vielleicht so gute Songs schreiben wie nie zuvor in seiner Karriere.

Trotz großer Alben in den 90er-Jahren und des sehr beachtlichen selbstbetitelten Debüts „Noel Gallagher´s High Flying Birds“ ist Noel Gallagher heute vielleicht auf dem Gipfel seines Schaffens. Mit dem Gestern hat er abgeschlossen, auch wenn die vielen Rückbesinnungen auf seiner zweiten Platte anderes vermuten lassen. „We get love, get lost and end up chasing yesterday“, unkt er und doch ist man sich sicher: Noel hat abgeschlossen und blickt nur in seine eigene vielversprechende musikalische Zukunft.

Anspieltipps:

  • Riverman
  • The Dying Of The Light
  • The Right Stuff
  • While The Song Remains The Same
  • The Ballad Of Mighty I

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