Angra - Secret Garden - Cover
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Angra Secret Garden


  • Label: earMusic/EDEL
  • Laufzeit: 49 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Das große brasilianische Flagschiff und der italienische blinde Passagier.

Das Jahr 2014 bot mit Beiträgen von (fast) jedem großen Genrevertreter unglaublich viel für den Power-Metal-Fan. Angra hätten da eigentlich gerade noch gefehlt, doch legen flugs im Januar 2015 nach. Die kleine Verspätung sei ihnen verziehen, immerhin sind ein paar Tage nichts gegen beinahe fünf Jahre zwischen zwei Studioalben. Und viel getan hat sich bei der brasilianischen Power Metal Band número uno sowieso! Damit ist gar nicht mal der schleichende stilistische Wandel gemeint, der auf „Aqua“ (2010) seinen bisherigen Höhepunkt gefunden hat und den Genre-Vorreiter letztendlich zu einer weiteren Band machte, die anhand von immer dominanter werdenden progressiven Arrangements eine Weiterentwicklung vorheuchelte. Knappe fünf Jahre später ist es eher die Auswechslung des Frontmanns, welche bei Fans und Power-Kennern die Alarmglocken zum Läuten bringen sollten.

Nach dem Fan-Liebling Andre Matos und dem vielleicht noch besser zu Angra passenden Edu Falaschi, holen sich die Brasilianer mit Fabio Tordiglione, besser bekannt unter Fabio Lione (Rhapsody Of Fire, Labyrinth-Debüt, Vision Divine, Athena-Debüt), sowohl Segen als auch Fluch ins Boot. Segen, weil Lione nicht nur ein absoluter Spezialist in Sachen Power Metal ist, sondern auch eine ohne Frage technisch beeindruckende Stimme hat und sich seine Technik über die Jahre kontinuierlich weiter entwickelt hat. Fluch, weil es mit Fabio Lione eben eine Fabio-Lionisierung gibt: In welcher Band der Italiener auch immer singt, seine Stimme wird so dominant und charakteristisch sein, dass sich die jeweilige Musik eben immer nach Fabio Lione anhören wird. Und jetzt kommen wir langsam zu „Secret Garden“, dem achten Studioalbum Angras, und addieren Liones Gesang mit dem immer progressiver gewordenen Power Metal der Gruppe. Das Ergebnis ist, dass „Secret Garden“ sich über lange Strecke tatsächlich mehr nach einem „A New Religion?“ (1998) von Athena und nach den späteren Alben Vision Divines anhört, als nach Angra selbst. Auch wenn Lione international zu den wichtigsten Personen des Powers gezählt werden kann: Die Fans Angras sollten wohl das Aufatmen der Kamelots verstehen, als sie sich nach dem Ausstieg ihres Sängers Khan eben nicht für die vorübergehende Lösung Fabio Lione entschieden haben...

Dafür hat letzterer, nachdem Rhapsody Of Fire ohne Luca Turilli im Rohr krepieren, wenigstens wieder ein echtes Flagschiff, dem er seine Stimme leihen darf. Denn musikalisch machen es Angra auf „Secret Garden“ wieder einmal richtig gut - zumindest sehr viel besser als noch auf „Aqua“. Bereits der im Vorfeld veröffentlichte Opener „Newborn Me“ - hier kommt auch direkt der erwähnte Einschlag Vision Divines - ist ein leicht angeproggter Hit, der Spaß macht, während sich das folgende „Black Hearted Soul“ in die schnelleren Gefilde von „Rebirth“ (2001) und „Temple Of Shadows“ (2004) begibt und alleine deshalb schon ein echter Gewinner ist. Das relativ am Ende platzierte „Perfect Symmetry“ macht es ähnlich, wird aber weitaus mehr vom prägnanten Gitarrenspiel des nicht hoch genug zu lobenden Kiko Loureiro gefärbt. „Upper Levels“ ist in seiner stark perkussiven Ausrichtung eine tolle Anknüpfung an „Aurora Consurgens“ (2006) und präsentiert die progressive Ausrichtung Angras in der logischsten und attraktivsten Art und Weise. Die melancholische, exzellent geschriebene Ballade „Storm Of Emotions“ gehört schließlich zum Besten was sowohl Angra als auch Fabio Lione in jener Richtung gemacht haben.

Interessanterweise vertrauen die Brasilianer auf weitere Sänger, welche in einem speziellen Fall den Status eines Gastbeitrags leicht überschreiten: Die Epica-Sirene Simone Simons verzaubert erfolgreich den herrlich kitschigen Titeltrack im Alleingang, während die Grande Dame Doro Pesch sich in „Crushing Room“ auf angenehme Art und Weise zurückhält und mit ruhigeren Tönen überzeugen kann. Ihr Duett hat sie dabei übrigens nicht mit Fabio Lione, sondern mit dem Gitarristen Rafael Bittencourt, welcher seine Arbeit hervorragend macht. In „Violet Sky“, dem Police-Cover „Synchronicity II“ und „Silent Call“ übernimmt er nebenbei komplett die Rolle des Frontmanns. Vielleicht hätten sich Angra tatsächlich für ihn entscheiden sollen und nicht für Fabio Lione. Nicht, weil dieser teilweise als Band-Nomade verschrien ist, sondern weil Bittencourt eh zum Repertoire gehört, seine Arbeit absolut gelungen ist und sein Gesang weitaus besser an den Stil Edu Falaschis anknüpfen kann.

Heraus gekommen ist das Werk einer Band, das zwar immer noch eine nicht zu übersehende Handschrift trägt, aber besonders bei den ersten Hördurchgängen ungewohnt fremd klingen sollte, wenn man die Matos- und Falaschi-Ära kennt. Das liegt sowohl an dem unzählige Male hier erwähnten Fabio Lione, als auch an den Einsätzen der Gäste, welche dem neuen Sänger den vorherrschenden Gesangsbeitrag ein wenig aberkennen. Somit entsteht gerade dadurch ein recht heterogenes Album, was man zwar damit begründen kann, dass „Secret Garden“ ein Konzeptalbum ist, es aber keinen roten Faden hat und somit auch losgelöst funktioniert. Im Großen und Ganzen ist Angras achter Longplayer aber ein kurzweiliges und versöhnliches Erlebnis. Die großen Qualitäten Angras sind auch auf „Secret Garden“ wieder vorhanden und das Warten und Bangen der Fans hat sich gelohnt. Ob die Band bei der vermehrt auftretenden Konkurrenz (Shaman, Almah, viele kleinere Gruppen) allerdings ihre große Vormachtstellung auch weiterhin musikalisch und nicht nur auf dem Papier behalten wird, bleibt weiterhin ein wenig zweifelhaft.

Anspieltipps:

  • Newborn Me
  • Storm Of Emotions
  • Secret Garden
  • Upper Levels
  • Crushing Room

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