Blind Guardian - Beyond The Red Mirror - Cover
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Blind Guardian Beyond The Red Mirror


  • Label: Nuclear Blast/WEA
  • Laufzeit: 65 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Unnötige Materialschlachten und das daraus resultierende Nichtbeachten von Songwriting lassen dieses Werk konstruiert und schlichtweg mittelmäßig erscheinen.

Ein neues Album von Blind Guardian! Da wird die Pen-&-Paper-Session flugs abgebrochen, die Warhammer-Figur bleibt nur zur Hälfte angemalt und endlich muss man sich nicht mehr mit Rhapsody Of Fire plagen - schon alleine, weil ihr letztes Album echt beschissen war. Sobald Hansi Kürsch und seine Kollegen ihre neue Scheibe in den Laden bringen, ist eh alles klar. Dieser Band gibt der Erfolg nicht nur Recht, diese Band ist auch noch gut und ein Subgenre-Vertreter, der einfach nicht mehr wegzudenken ist. Und nachdem Blind Guardian auf ihrem „At The Edge Of Time“ (2010) bereits bewiesen haben, dass sie auch Symphonic Metal können, setzen sie genau an jener Stelle wieder an.

Da präsentieren sich die fünf Musiker (Oliver Holzwarth wurde durch Barend Courbois am Session-Bass ersetzt und es ist nie eine gute Idee, einen Bassisten vom Kaliber Holzwarth zu ersetzen) ein für alle Mal als die Gigantomanen der deutschen (Power-)Metal-Szene: Ein Chor reicht nicht, es müssen gleich drei her. Ebenso verhält es sich mit der orchestralen Unterstützung. Mit gerade einmal einem Orchester arbeiten nur Amateure, die Guardians lassen sich gar nicht erst lumpen und tun es mit gleich zweien. Klar, das sind auf den ersten Blick Schauwerte, Hausnummern, Schwanzvergleiche mit internationalen Acts von Rang und Namen. Nur müssen Blind Guardian im Jahre 2015 keinem mehr beweisen, dass sie zu den ganz Großen gehören. Ja, auch international. Auf den zweiten Blick bleiben die Schauwerte übrigens Schauwerte, die Hausnummern sind eigentlich nur langweilige, nackte Zahlen und weder Musikerkollegen noch Fans sind an einem Schwanzvergleich interessiert. Und ironischerweise achtet man auf solche Materialschlachten auch nur, wenn man es weiß, denn „Beyond The Red Mirror“ profitiert als Gesamtwerk nicht direkt von jenen. Unter der Oberfläche bleibt eigentlich ein handelsübliches Album Blind Guardians, das konzeptionell an „Imaginations From The Other Side“ (1995) anknüpfen will (glücklicherweise ohne Sequel-Marketinggag), sich musikalisch dagegen am ziemlich starken Vorgänger „At The Edge Of Time“ orientiert.

Somit sind die Krefelder auf der sicheren Seite, denn beide erwähnten Alben gehören zu ihren stärksten und beliebtesten überhaupt. Gleichermaßen muss sich „Beyond The Red Mirror“ aber auch mit gerade diesen Alben messen lassen und zieht letzten Endes den Kürzeren. Die Blind Guardian aus dem Jahre 1995 gibt es eh nicht mehr und das ist auch okay so. Zwanzig Jahre gehen eben auch nicht spurlos an einem vorbei. Doch auch in der bislang längsten Pause zwischen zwei Alben hat sich einiges getan. Die altbekannte Prog-Krankheit hat auch Blind Guardian erwischt. Die hat man, wenn man mit aller Macht Anspruch, Opulenz und „das ist ein Meisterwerk und wenn du es nicht magst, kapierst du es nicht und bist doof“-Gehabe vorheucheln will. Komplexität besteht, aber eine Komplexität aus Notwendigkeit. Das Songwriting bleibt auf der Strecke und wird mit Orchester- und Chor-Bombast ganz einfach zu kaschieren versucht. Gerade „At The Edge Of Time“ war deshalb so gut, weil die Band an beides gedacht hat: Instant-Classics und Symphonic-Metal-Opulenz auf höchstem Niveau gaben sich die Klinke in die Hand.

Wahrscheinlich wussten das Blind Guardian und folgten ihrem eigenen guten Beispiel. Es mag ihnen nicht gelingen. Da gibt es den Opener „The Ninth Wave“, den Rausschmeißer „Grand Parade“, beide jeweils fast zehn Minuten lang, beide überfrachtet, beide konfus (konfus, nicht progressiv) und in beiden soll so viel passieren und es passiert einfach nichts. Fast scheinen die Musiker regelrecht darauf zu warten, den Hörer mit der nächsten Orchester-Attacke aus den Latschen zu hauen. Das ist ein bisschen wie ein Film von Michael Bay: strunzdumm, aber ziemlich gut gemacht und wer das Hirn ausschaltet, wird seinen Spaß haben. Aber Bay gaukelt uns immerhin nicht vor, anspruchsvoll zu sein. Besser wird es dagegen, wenn die Band es mal wieder so richtig rumpeln lässt. Das im Vorfeld veröffentlichte „Twilight Of The Gods“ ist sicherlich nicht die stärkste Single ihrer Karriere, geht aber zusammen mit anderen Up-Tempo-Nummern wie „Ashes Of Eternity“ oder „Sacred Mind“ klar. Funfact: Seitdem Olivia Newton-John ihr „Xanadu“ so herrlich cheesy schmettert, kann man es bei Kürsch im letztgenannten Song übrigens nicht wirklich ernst nehmen. Dennoch: Das hat man alles schon schwächer gehört - oft aber auch weitaus stärker. Dann gibt es viel Mittelmaß, sei es nun „Distant Memories“, „The Throne“ oder „At The Edge Of Time“, welches tatsächlich den gleichen Titel wie das vorangegangene Studioalbum trägt.

Halbwegs rausreißen kann es die wirklich gelungene Ballade „Miracle Machine“, bei der Blind Guardian die Pfade des Albums verlassen und musikalisch angenehm reduziert vorgehen. „Prophecies“ macht als das „All-American-Girl des deutschen Power Metal“ viel Laune und ist in seiner Machart lustigerweise genau die Art Gamma Ray-Song, welche Gamma Ray nicht mehr schreiben können. „The Holy Grail“ schließlich weiß Härte, Bombast sowie Hymnencharakter erfolgreich zu verbinden und ist in jener Form das, was mit den Longtracks des Albums vergeblich versucht wurde. Insgesamt ist das alles aber viel zu wenig, um als das große Magnum Opus zu gelten, welches Blind Guardian wahrscheinlich angepeilt haben. Aber auch abseits solcher Wunschgedanken bleibt „Beyond The Red Mirror“ erschreckend blass und - Achtung, kein Scherz! - arm an Höhepunkten und Esprit. Vieles wirkt erzwungen, arg konstruiert und in seinen schwächsten Momenten scheinen Blind Guardian die Quote zu erfüllen, welche sie sich mit dem Engagement der geladenen Gastmusiker selbst als Bürde aufladen. Natürlich wird „Beyond The Red Mirror“ so manchen Fan erreichen und glücklich machen. Ohne rosarote Fanboy-Brille bleibt wahrscheinlich aber ein durch und durch mittelmäßiges Album der Krefelder. Und das würde es auch bleiben, wenn man auf weniger große Worte die Taten hätte folgen lassen, die auf dem zehnten Longplayer der Gardinen zu erkennen sind.

Anspieltipps:

  • Prophecies
  • The Holy Grail
  • Miracle Machine

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