Bettye LaVette - Worthy - Cover
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Bettye LaVette Worthy


  • Label: Cherry Red/Rough Trade
  • Laufzeit: 44 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Die große Dame des Soul wurde wieder unter die Fittiche von Joe Henry genommen und liefert ein weiteres versiertes Alterswerk ab.

„Produziert von Bettye LaVette & Joe Henry“, ist auf dem Cover des neuen Albums von Misses LaVette zu lesen. Der umtriebige, sensible Songwriter Joe Henry hat seine einfühlsamen Koordinationsfähigkeiten unter anderem schon Solomon Burke („Don`t Give Up On Me“, 2002), Elvis Costello & Allen Toussaint („River In Reverse“, 2006), Mary Gauthier („Between Light And Dark“, 2007) und Hugh Laurie („Let Them Talk“, 2011, „Didn`t It Rain“, 2013) zur Verfügung gestellt. Für Bettye LaVette ist er jetzt nach „I`ve Got My Own Hell To Raise“ von 2005 das zweite Mal tätig. Man kann behaupten, dass er das Comeback der 69-jährigen afro-amerikanischen Sängerin damit entscheidend mitgeprägt und unterstützt hat. Schließlich hatte Bettye schon eine wechselvolle Karriere hinter sich, als sie um die Jahrtausendwende wiederentdeckt wurde. Den ersten Hit verbuchte sie bereits 1962 und 2009 wurde ihr die Ehre zuteil, bei der Amtseinführung von Präsident Obama aufzutreten, was ihren Ambitionen neuen Schub verlieh.

Joe Henry führt bei diesem weiteren Cover-Versionen-Album mit langer Leine Regie, setzt aber immer wieder markante Ausrufezeichen. Dafür hat er eine Gruppe von exzellenten Musikern zur Verfügung. Diese besteht aus Session-Drummer Jay Bellerose, der unter anderem schon für Jackson Browne, Hugh Laurie und Steve Earle tätig war. Außerdem gehören Gitarrist Doyle Bramhall (Eric Clapton, Sheryl Crow), Bassist Chris Bruce (Aimee Mann, Lizz Wright) sowie Patrick Warren (Lucinda Williams, Lana Del Rey) an den Keyboards zum Begleitpersonal.

Die Mitspieler gehen feinfühlig und intelligent mit den ausgesuchten Vorlagen um. Eine entschlossen zerrende E-Gitarre sorgt beim Bob Dylan-Titel „Unbelievable“ für Unruhe. Die quengelnd-nervöse, funkige Grundeinstellung wird dabei durch die heiseren, teils überdrehten Gesangsbeiträge noch zugespitzt. Schwül-köchelnden Südstaaten-Soul leiten die Akteure aus der Urfassung von „When I Was A Young Boy“ ab. Der Beitrag stammt im Original von Chris Youlden, der Ende der Sechzigerjahre Sänger der britischen Progressive-Blues-Band Savoy Brown war. Bei der aktuellen, vollmundigen, reifen Begleitung setzen Keyboards und Gitarre auffallende, geschmackvolle Glanzlichter. Bettye ersetzt den Boy durch ein Girl und weiß genau, wann es angebracht ist, sich zurückzunehmen und wann sie die Zügel in die Hand nehmen muss. Die Soul- und Rhythm & Blues-Diva spielt virtuos auf der Klaviatur der stimmlich ausdrückbaren Emotionen und zeigt bei der Umsetzung ein nahezu perfektes Timing. Nicht zuletzt deshalb hat man den Eindruck, dass der Track viel zu schnell vorüber ist.

Bettye LaVette bewegt sich souverän zwischen unterschiedlichen Stilen und instrumentalen Umgebungen. Die Lieder wurden rein nach Substanz und vokaler Herausforderung ausgewählt. Auf dem Gebiet der stimmungsvollen Balladen gibt es allerdings unterschiedliche Ergebnisse. Es gelingt ihr, der anspruchsvollen Mickey Newbury-Nummer „Bless Us All“ einen individuellen Touch zu verleihen und bei dem namengebenden „Worthy” wird der Kern des Liedes einfühlsam herausgearbeitet. „Where A Life Goes” ist dagegen eher unspektakulär, auch wenn der Track souverän und solide zum Besten gegeben wird. Der Joe Henry-Titel „Stop“ lässt sich sofort als solcher identifizieren. Diese verräucherte Late-Night-Atmosphäre, die durch verschachtelte Zutaten aus Jazz, Blues und Folk erzeugt wird, bekommt in dieser Qualität sonst höchstens noch Tom Waits so überzeugend hin. Auch die Beatles werden beachtenswert bearbeitet. Ihr „Wait“ ist zunächst nur am Text zu erkennen und bekommt ein intimes Jazz-Folk-Gewand verpasst, das dem Stück eine völlig neue Bestimmung verleiht.

Der gebrochene Gospel „Undamned” wird verzögert, mit Hauptaugenmerk auf das gesangliche Schaulaufen der Sängerin umgesetzt. Die Instrumente umspielen kunstfertig die Stimme, die wieder mal Gelegenheit zur Demonstration ihrer Ausdruckskraft erhält. Dieses Vorgehen geht hier allerdings leicht zu Lasten der Geschmeidigkeit. Auch der Blues „Just Between You And Me And The Wall, You're A Fool”, im Original von der Country-Rock-Band The Amazing Rhythm Aces, und das mild groovende „Step Away“ werden einmal mehr vom leidenschaftlichen, die Seele entblößenden Gesang bestimmt. „Complicated” hört sich im Vergleich dazu ungelenkig und klotzig an. So in etwa, als hätte die späte Tina Turner den Rolling Stones-Song interpretiert. Auch die Nachahmung der Keith Richards-Riffs ist unglücklich gewählt, da dies wenig originell erscheint.

Die Handschrift von Joe Henry ist bei der Produktion omnipräsent und dominiert die Arrangement-Ideen. Fein ziselierte, intelligent aufgebaute Begleitungen prägen das Klangbild. Die Stimme bekommt dabei genügend Freiraum, um sich genussvoll entfalten zu können. Sie wird sehr selbstbewusst eingesetzt und strotzt vor Energie. Am imposantesten ist dieses Vorgehen, wenn die Lady den kratzbürstigen Vamp verkörpert. Dann stellt sie sich der Herausforderung, an den anspruchsvollen Kompositionen zu wachsen, und nimmt diese Hürde in den meisten Fällen durch das kompromisslose Einbringen ihrer Erfahrung und wegen ihres individuellen Ausdrucks souverän. „Worthy“ bildet die logische Fortsetzung der Vorgänger-Alben „Interpretations: The British Rock Songbook“ (2010) und „Thankful N`Thoughtful“ (2012), die auch aus Fremdmaterial bestanden. Bettye LaVette gehört qualitativ in die gleiche Liga wie ihre Kollegen Sharon Jones und Charles Bradley, die auch erst spät die Anerkennung bekamen, die sie eigentlich schon lange verdient hätten.

Anspieltipps:

  • Unbelievable
  • When I Was A Young Girl
  • Bless Us All
  • Just Between You And Me And The Wall, You're A Fool
  • Wait
  • Step Away

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