Carl Barât - Let It Reign - Cover
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Carl Barât Let It Reign


  • Label: Cooking Vinyl/INDIGO
  • Laufzeit: 36 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
8/10 Leserwertung Stimme ab!

Das zweite Soloalbum des Libertines-Gitarristen mit Pseudo-Band im Rücken.

Egal ob als Solokünstler (2010) oder mit der Band Dirty Pretty Things (2005-2008), an die Erfolge und den Hype der Libertines (1997-2004) zusammen mit Pete(r) Doherty (35), konnte Carl Barât (36) in seiner Karriere nie wieder anknüpfen. Aufgeben kommt für den Songschreiber dennoch nicht in Frage. Und obwohl die Gerüchte über eine Libertines-Reunion nie abgerissen sind, scheint diese bis auf Weiteres kein offizielles Thema zu sein. Auf der anderen Seite ist allerdings davon zu hören, dass sich The Libertines im Studio befänden und auch für die Festival-Saison gebucht werden können. Wir werden sehen bzw. hören. Verbuchter Fakt ist: Mit „Let It Reign“ nahm der Engländer zuerst einmal sein zweites Soloalbum in Angriff, das während der Entstehungsphase aus heiterem Himmel in ein Band-Projekt umgewandelt wurde.

Der Löwenanteil des Albums wurde binnen sechs Wochen mit 12-Stunden-Arbeitstagen in Los Angeles mit angemieteten Musikern eingespielt. Dann kam Carl Barât irgendwann auf die Idee, eine „echte“ Band zu gründen und rief ein Casting aus. Nachdem diverse Musiker bei ihm vorgespielt hatten, rekrutierte der 36-Jährige The Jackals, alias Billy Tessio (Gitarre), Adam Claxton (Bass) und Jay Bone (Schlagzeug), die auf exakt zwei Stücken des Albums zu hören sind. Produziert wurde das Album im Übrigen von The-Bronx-Gitarrist Joby J. Ford, der mit seiner eigenen Band für handfesten Hardcore-Punk sorgt.

Das sind mehr oder weniger merkwürdige Vorzeichen und Rahmenbedingungen für einen Künstler, den nur wenige Kritiker bei seinen bisherigen Solowerken euphorisch begleitet haben. Und auch im Zusammenhang mit „Let It Reign“ ist leicht vorstellbar, dass sich die Gemengelage nicht groß ändern wird. Denn was Carl Barât in etwas mehr als einer halben Stunde auf seinem neuen Album präsentiert, unterliegt einer leichten Zerrissenheit, die positiv ausgedrückt als künstlerische Vielfältigkeit ausgelegt werden kann – oder eben als ziellose Suche.

Die Grundlage der meisten Stücke ist eine poppige Form des Punkrock, der sich mal von der härteren („The gears“) und mal von der seichteren Seite zeigt („Victory gin”), doch stets eine gewisse Rotzigkeit an den Tag legt, die bei dieser Spielart unabdingbar ist. Dazu gesellen sich dezente Ska- und Reggae-Einflüsse („Summer in the trenches“) sowie an Glam-Rock gemahnende Tunes („A storm is coming“). Das zusammen mit Ed Harcourt geschriebene Titelstück geht in die Richtung hymnischer BritPop, während die Pete-Doherty-Hommage „War of the roses“ in krachendem Indie-Rock zuhause ist. Der beste Song des Albums ist aber gleich der Opener. Das im Verbund mit Benjamin Biolay geschriebene „Glory days“ scheppert und röhrt in der Tat wie ein Überbleibsel aus glorreichen Zeiten, als Indie-Rock aus Großbritannien den Punkrock von The Clash mit der Muttermilch aufgesogen hatte und in einer neuen, großartigen Form wieder ausspuckte.

Von dieser Großartigkeit ist „Let It Reign“ insgesamt ein großes Stück entfernt. Carl Barât bietet zusammen mit den Jackals soliden BritRock mit Punk-Einflüssen, der ohne künstlerische Sensationen auskommen muss und vermutlich nur einen Aufgalopp für ein neues Werk der Libertines darstellt, das dann hoffentlich spektakulärer ausfällt als „Let It Reign“.

Anspieltipps:

  • Glory days
  • Let it reign
  • We want more
  • War of the roses
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