Steven Wilson - Hand. Cannot. Erase - Cover
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Steven Wilson Hand. Cannot. Erase


  • Label: Kscope/EDEL
  • Laufzeit: 65 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
7.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Musikwelt fragt, wie man sich nach „The Raven That Refused To Sing“ überhaupt noch steigern kann. Mastermind Wilson liefert die Antwort.

Steven Wilson, seines Zeichens Mastermind von Porcupine Tree, Storm Corrosion, Blackfield oder Produzent von __________ (hier bitte erfolgreichen Genrevertreter einfügen), ist einer der wenigen Ausnahmekünstlern, die nicht nur von den Kritikern wohlwollend abgenickt werden, sondern auch noch einen kommerziellen Erfolg feiern. Sein letztes, (zu Recht) hoch gelobtes Werk „The Raven That Refused To Sing (And Other Stories)“ (2013) war alleine in Deutschland vier Wochen mit einer Spitzenposition von Platz 3 in den Albumcharts. Progheads würden ja nie mit dem Argument „Erfolg gibt Recht“ kommen, aber wie genial ist es denn bitte, dass dies im Falle des kreativsten Stachelschweins der Welt sogar funktioniert und aufgrund der Großartigkeit sogar einen doppelten Boden hat? Jetzt schlägt der Musiker ein weiteres Kapitel auf und sollte erneut in der Lage sein, seine Erfolgstour fortzuführen. Ach ja: Alles müffelt wieder gaaanz verdächtig nach „Album des Jahres“...

Das Schöne an dem Schaffen Wilsons ist, dass der Engländer so viele verschiedene Dinge in seinem Leben gemacht hat und aus einem schier unendlichen Pool an Erfahrungen und Stilen schöpfen kann. Eine kühne Behauptung: Steven Wilson ist der Quentin Tarantino der progressiven Musik. Er kennt sein Fach, er hat extrem viel Bock auf Musik im Allgemeinen und wenn er zitiert, dann zitiert er richtig und stets so, dass es seinem ganz eigenem Sound dienlich ist. Wirklich neue Akzente kann vielleicht auch ein Steven Wilson nicht mehr setzen. Aber hey, er erreicht die Leute mit seinen Werken und rettet den Prog vor „wir kopieren Genrehelden, ein 20-minütiger Longtrack ist Standard“ und macht alles so locker, so fluffig, so ohne Selbstzweck, dass auch der größte Kenner gerne am Ball bleibt. Übermäßige Komplexität ist da gar nicht mal das A und O, immerhin zeigt sich im Rahmen von Wilsons Solokarriere der Trend zu steigender Kompaktheit. Vielleicht ist das eine gewisse Altersweisheit oder zumindest Reife. Etwas beweisen muss Wilson eh keinem mehr, mehr denn je stehen auf seinem neuen Werk die Songs an sich im Mittelpunkt.

„Hand. Cannot. Erase“ ist ein Konzeptalbum, welches den Tod der Londonerin Joyce Vincent behandelt und als Rahmen für weitere Ideen benutzt. Inspiriert wurde Wilson vom Dokumentarfilm Dreams of a Life (2011, Regie von Carol Morley). Vincent starb alleine in ihrer Wohnung, ihre Leiche wurde erst zwei Jahre später gefunden - neben von ihr gekauften und bereits verpackten Weihnachtsgeschenken. Einsamkeit, Entfremdung, sowohl gesellschaftliche als auch individuelle, in der Stadt und in unserer heutigen Zeit, sind weitere Themen, die der Musiker anspricht. All dies wird eingebettet in einem stark elektronisch angehauchten Sound, welcher mehr denn je an Wilsons fast zum Soloprojekt avancierten No-Man erinnern. Ausflüge in den Trip Hop und in den Shoegaze gibt es genauso wie wilden, klassischen Progressive Rock. Direkt im Opener-Doppel „First Regret“/„3 Years Older“ macht Wilson genau das klar und vermag beide Welten miteinander zu verbinden.

An dieser Stelle hätten andere Musiker oder Bands ihre Ideallinie gefunden, der sie gefolgt wären und damit wohl auch goldrichtig gelegen hätten. Doch direkt mit dem Titeltrack folgt ein Bruch in Form eines angeproggten Pop-Rockers bis schließlich „Perfect Life“ als in sich gekehrter Dream-Pop-/Trip-Hop-Hybrid endgültig die Karten auf den Tisch legt und den Weg für intim anmutende, atmosphärische Monster der Marke „Routine“ oder „Transience“ ebnet. Gerade wer den Titelsong von „The Raven That Refused To Sing“ mochte, kriegt hier eine Fortführung jenes musikalischen Konzepts. Wilsons Kunst liegt darin, seine Kompositionen zwar opulent, beinahe bombastisch aufzubauen, dabei vieles jedoch lediglich anzudeuten. Der Höhepunkt in „Routine“, gesanglich hervorragend getragen von der israelischen Sängerin und ersten Kochav-Nolad-Castinggewinnerin Ninet Tayeb, muss sich dem Songwriting genauso unterordnen wie die ruhigeren Parts. Wilson wird hier auch zum großen Geschichtenerzähler und Beobachter seiner Umwelt. Mit den zusammenhängenden „Home Invasion“ und „Regret #9“ bekommt der Hörer schließlich einen großen, pompösen Progger.

Auf „Hand. Cannot. Erase“ ist Herr Wilson spendabler denn je, wenn es um Highlights geht. Tatsächlich setzen „Happy Returns“ und „Ancestral“ nochmal einen drauf. Eben jenes „Ancestral“ könnte zu einer der großen Vorzeigenummern Wilsons werden. Hier überzeugt er mit einer gelungenen Melange aus Progressive Metal, dem typischen unterkühlten Sound an der Grenze zu skandinavischen 90s-Prog und folkigen Arrangements. Auch wenn „Acenstral“ die sperrigste und komplexeste Nummer des Albums ist, steht die Komposition stellvertretend für das sorgfältige Songwriting auf „Hand. Cannot. Erase“. Wirklich guter Prog ist nun mal viel, aber nie (!) prätentiös. Das tieftraurige, doch gleichermaßen eigenartig versöhnlich stimmende „Happy Returns“ darf die ruhige Ausrichtung des Albums nochmal zum fulminanten Finale führen - das gilt auch für das lyrische Konzept. Vielleicht das absolute Glanzstück auf „Hand. Cannot. Erase“ und zusammen mit „Ascendant Here On...“ ein mehr als würdiger Abschluss.

Nach einem solchen wird glücklicherweise alles klar. Als Nachfolger vom „Raven“ war „Hand. Cannot. Erase“ gleichermaßen sehnlich erwartet wie auch im Vorfeld kritisch beäugt. All dies ist mit dem Erscheinen des Albums absolut zweitrangig geworden. „Hand. Cannot. Erase“ baut vielmehr auf „The Raven That Refused To Sing (And Other Stories)“ auf und verbindet jene Elemente mit den unzähligen Inspirationen und Stilen, welche sich Wilson in seiner Karriere aneignete. Und dies organischer als je zuvor. „Hand. Cannot. Erase“ ist ein großer Rundumschlag, der die unzähligen Gesichter des Steven Wilson aufgreift und die aufgrund seiner jahrzehntelangen Erfahrung in einem neuen, gleißenden Licht stehen. Intim, aufwühlend, berührend und sehr klug - „Hand. Cannot. Erase“ ist all das. Auch wenn das Wort „Meisterwerk“ nicht inflationär benutzt werden sollte, schon gar nicht in Verbindung mit dem sowieso schon reich mit jener Bezeichnung gesegneten Steve Wilson: Dieses Album verdient genau einen solchen Titel und stellt sogar das hochgelobte „The Raven That Refused To Sing“ in den Schatten.

Anspieltipps:

  • Hand Cannot Erase
  • Perfect Life
  • Routine
  • Ancestral
  • Happy Returns

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