Moonspell - Extinct - Cover
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Moonspell Extinct


  • Label: Napalm Records
  • Laufzeit: 46 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Portugiesen kokettieren mit Großvater Pop und sorgen dabei für viele grandiose, aber auch einige Fremdschäm-Momente.

Als erfolgreichste Musiker eines Landes lastet mit jeder Veröffentlichung eine schwere Bürde auf den Schultern, da der Erwartungsdruck ins schier Unermessliche steigen kann. In Portugal dürfte man solchem Firlefanz gegenüber gelassen begegnen, denn anders lässt es sich nicht erklären, weshalb Moonspell seit Jahren schlicht und ergreifend das machen, was sie wollen und trotzdem keine Umsatzeinbußen (ganz im Gegenteil) verzeichnen. Nach dem von Dark, Gothic und ein wenig Black sowie Death Metal besessenen „Night Eternal“ (05/2008), packten Fernando Ribeiro (Gesang), Ricardo Amorim (Gitarre), Pedro Paixao (Keyboard, Gitarre), Aires Pereira (Bass) und Miguel Gaspar (Schlagzeug) für „Alpha Noir“ (04/2012) sämtlichen Ballast in einen Sack und trampelten fröhlich darauf herum, während dem der Erstauflage beiliegenden „Omega White“ ein zartes Gothic-Kleid übergezogen wurde.

Im Jahr 2015 sieht die Sachlage jedoch schon wieder ein wenig anders aus und obwohl „Extinct“ im Großen und Ganzen den dunklen Mächten anheimgefallen ist, so hat sich doch etwas in die Kompositionen eingeschlichen, mit dem in dieser Form eigentlich nicht zu rechnen war: Großvater Pop. Das soll jetzt natürlich nicht bedeuten, dass Fernando und seine Jungs plötzlich in maximal 3:30 Minuten über nicht erwiderte Liebe singen und auf der Bühne zu twerken beginnen, aber die Art und Weise, wie Moonspell in diesem Jahr ihre Songs präsentieren, bringt sie näher an kommerzielle Konventionen als je zuvor. Damit ist explizit nicht das Fundament der Kompositionen gemeint, sondern das Füllmaterial, mit dem das sorgfältig aufgebaute Konstrukt gestopft wird. In einem Song bedeutet dies einen furchtbar-eingängigen und hochmelodiösen Refrain anzubieten, der auf jedem Festival die Feuerzeuge schwenken lässt („Domina“) und in einem anderen tatsächlich sämtliche Hüllen fallen zu lassen und einen widerlichen Striptease für die Post-HIM-Pseudo-Gothic-Szene darzubieten („The last of us“).

Keine Angst, das letztgenannte Beispiel ist ein sturer Einzelkämpfer und wird in dieser Form ohnehin nie wieder auf einem Moonspell-Album vorkommen. Stimmt´s, Fernando? Um ein x-faches interessanter ist ohnehin die Verschmelzung aus düsteren Stimmungen, die sich mit Ribeiros Reibeisenstimme paaren und im Chorus die Eingängigkeitsspirale zu Gunsten des Hörers in unterschiedliche Richtungen drehen. Bei „Breathe (until we are no more)“ bedeutet dies lauthals mitzuschreien und dem punktgenau einsetzenden Orchester aus 1001 Nacht vor Verzückung mit feuchten Augen zu lauschen, in „Medusalem“ eine Fusion aus orientalischen Streichern und Gothic Rock beizuwohnen und im simpel gehaltenen, aber mit packender Atmosphäre gestalteten „Funeral bloom“ den Thron von Paradise Lost wackeln zu sehen. Überhaupt finden sich erneut einige Parallelen zu Nick Holmes und seiner Truppe, die im Vergleich zu den Briten allerdings stets auf dem schmalen Grat zwischen Kitsch („The future is dark“, „A dying breed“) und Bombast wandeln („Malignia“, „Extinct“). Über das auf Französisch gesungene „La baphomette“ breiten wir indes lieber den Mantel des Schweigens. Nichtsdestotrotz gefällt der Ausflug in die Pop-Sphären ausgesprochen gut, selbst wenn übereifrige Kandidaten wie „The last of us“ mehr Schande denn Freude versprühen. Auf dem kommenden Longplayer dürfen solche Kompositionen gerne im Keim erstickt werden!

Anspieltipps:

  • Domina
  • Funeral Bloom
  • Breathe (Until we are no more)

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