Adam Angst - Adam Angst - Cover
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Adam Angst Adam Angst


  • Label: Grand Hotel Van Cleef
  • Laufzeit: 40 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Von Beziehungsstrukturen bis zu Jesus Christus höchstpersönlich: Adam Angst machen vor nichts Halt und das ist verdammt gut so.

Adam Angst wissen ganz genau wie sie ihr Album eröffnen. Bevor ein paar oberflächliche Hörer auf die Idee kommen, dass Felix Schönfuss mit seinem neuen Projekt plötzlich weichgespült sein könnte, reißt das Album gleich mit dem Opener „Jesus Christus“ alle Brücken ein. In einem Land, in welchen die dominierende Partei den Begriff christlich im Namen trägt, ist ein solcher Titel viel für Glaubwürdigkeit wert. Was als vermeintlicher Racheakt Jesu Christi beginnt, endet damit, dass Gottes Sohn sich in seinem Ruhm auf Youtube und Co. suhlt und er sich endlich geliebt fühlt. Nun, niemand ist unfehlbar, richtig? Und diese Erkenntnis ist der Anfang eines wilden Ritts, der dem deutschen Punk alle Ehre macht.

Nachdem durch die Jesus-Satire direkt das Blatt vom Mund genommen wurde, können Adam Angst problemlos auch über die kleinen Dinge reden. Gescheiterte Beziehungsstrukturen („Ja Ja, Ich Weiß“) und die Grenze zwischen Höflichkeit und Feigheit („Was Der Teufel Sagt“) sind keine typischen Punk-Themen, wissen jedoch über Text und Melodie zu gefallen. Hier wird so mancher Hörer an Die Ärzte erinnert, wenn Tango mit einer ordentlichen Portion Alltagsironie gepaart wird. Und selbst hinter diesen weniger politischen Tracks verbirgt sich stets eine gesellschaftliche Komponente. Das wird spätestens bei „Wunderbar“ und „Wochenende. Saufen. Geil.“ deutlich. Der Staat, aber auch die Individuen selbst, machen sich kaputt und niemand kümmert sich wirklich darum. Dass Hörer nicht in Tränen ausbrechen, liegt letztlich wohl allein an den durchweg starken Melodien, welche die Wut, aber auch die Depression vieler dieser Texte fantastisch kanalisieren.

Und natürlich ist da auch immer wieder dieses zwinkernde Auge, welches die Ausländerfeindlichkeit in „Professoren“ und selbst das Kriegsporträt „Splitter Von Granaten“ zu einer Waffe und nicht zu hilflosen Rufen macht. Adam Angst machen sich die Feder zum Freund, wenn Reality-TV, Politik und Selbstbetrug in Angriff genommen werden. Die Mischung aus schonungslosen, aber eben auch intelligenten Texten ist dermaßen beeindruckend und vollgestopft, dass die so schlichte und treibende Musik noch bei vielen Hördurchgängen für ratternde Oberstübchen sorgen kann.

Wenn Adam Angst uns erzählen, dass es uns zu gut geht, wir angelogen werden und uns selbst belügen und Probleme in Politik und Gesellschaft herrschen, dann klingt es auf dem selbst betitelten Album nie nach einer Parole. Es wird stets nachvollziehbar erzählt, was diese Band bewegt und was sie bewegen will. Wer Schönfuss mit seinen Texten als Misanthrop zu verkaufen versucht, der wirft mit zu großen Worten um sich. Dass die Band eben nicht einen auf „Staat scheiße, Menschen scheiße, alles scheiße“ macht und nahezu durchgängig einen Weg findet, über Intelligenz und Humor zu kontern, ist noch ein Beweis mehr dafür, dass diesen Musikern etwas daran liegt, dass sich etwas ändert.

„Adam Angst“ hat keinen Moment Füllmaterial, findet einen Breitbandzugang zu authentischem Punk und vergisst dabei nicht die Macht des Humors anstatt blind gegen alles zu sein. Es ist eine ganze Weile her, dass gerade mal 40 Minuten für so viel rauchende Köpfe, Energie, Lächeln, Wut und Staunen gesorgt haben. Dafür musste die Band den Punk nicht neu erfinden oder sich einen vermeintlichen Stil aus den Rippen schneiden. Stattdessen haben Adam Angst es mit ihrer Musik und ihren Texten wie mit einem guten Argument gemacht und die Essenz des Punk auf den Punkt gebracht. Ja, das hat sich gereimt.

Anspieltipps:

  • Professoren
  • Lauft Um Euer Leben
  • Flieh Von Hier

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