Matthew E. White - Fresh Blood - Cover
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Matthew E. White Fresh Blood


  • Label: Domino Records
  • Laufzeit: 47 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Kaum zu glauben, aber wahr: Matthew E. White toppt mit seinem neuen Opus „Fresh Blood” sogar noch sein starkes Debüt „Big Inner“ von 2013.

Seine Sound-Gebilde sind nahe am perfekten Flow und tragen das verführerische Aroma von Südstaaten-Soul in sich. Sie sind geheimnisvoll wie Voodoo-Zauber und prachtvoll-elegant arrangiert wie hingebungsvoller Gospel. Matthew E. White`s Gesang kocht auf Sparflamme, ist oft zurückgenommen, leise, fast flüsternd und sinnlich. Dadurch wird die Eindringlichkeit noch gesteigert und die Aufmerksamkeit auf den Bandleader gelenkt. Die Kompositionen haben die visionäre, kreative, suggestive und begeisternde Qualität, die man auch bei den Werken von Van Dyke Parks findet. Die neuen Schöpfungen sind eine Wundertüte aus delikaten Sounds, instrumentellen Kabinettstücken und abenteuerlichen Arrangement-Ideen. Wer unkonventionelles und intelligentes Vorgehen in der Pop-Musik schätzt, kommt an dem Mann aus Virginia nicht vorbei.

Nach dem berechtigten Wirbel um sein Debüt aus 2013 war Mr. White ausgebrannt. Das Weihnachten des Jahres verbrachte er alleine im Haus seiner Eltern und reflektierte die Ereignisse, die auf ihn eingeprasselt waren. Nach dem Fest hatte er seine Gedanken wieder geordnet und gab den Songideen, die er während seiner Konzertreisen gesammelt hatte, langsam Form und Struktur. Im Gegensatz zu „Big Inner“ plante er die Umsetzung des Nachfolgers zeitlich detailliert durch. Das verlieh ihm Sicherheit und Ruhe. Diese strategisch kluge Vorgehensweise hat sich wohltuend entspannend auf die gesamte Grundstimmung ausgewirkt.

Bei „Take Care My Baby“ nimmt Matthew behutsam Tuchfühlung mit den Instrumenten auf und schleicht sich allmählich in den Groove ein. Der Soul ist zart und vielversprechend wie eine milde Frühlingsbrise. „Rock`n`Roll Is Cold“ ist recht flott unterwegs, gesanglich aber cool wie J.J. Cale. Hektik kommt nicht auf. Der Songautor erweist sich dabei als versierter Noten-Bändiger. Philly-Soul im Wechsel zwischen temperament- und gefühlvoll hört man bei „Fruit Trees“. Das Lied wurde zur weiteren Belebung mit einem unorthodoxen Rhythmus-Verlauf ausgestattet. Das hört sich an, als würde man Gas und Bremse gleichzeitig drücken. „Holy Moly“ ist eine Ballade, die sich kritisch mit den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche auseinandersetzt. Der Zustand steigert sich dabei von verhalten zu turbulent. „Circle ‘Round The Sun” hat eine andächtige Atmosphäre, ein verschlepptes Tempo und wird von hingehauchtem Gesang durchsetzt.

Eine seidig-elegante Pop-Nummer ist mit „Feeling Good Is Good Enough” gelungen. Sie ist trotz ihres verschachtelten Verlaufs purer Seelenbalsam. Die Nummer wickelt sich wie eine wohlige Decke um die Gehörgänge. Anmut und Dissonanz geben sich bei „Tranquility“ ein Stelldichein. Dieser Psychedelic-Pop ist dem genialen Schauspieler Philip Seymour Hoffman gewidmet, dessen Leben und Schaffen auch von Gegensätzen geprägt war. Cineastisch wie ein imaginärer Soundtrack eines Dramas wirkt das Breitwand-Opus „Golden Robes“. Matthews Stimme zeigt hier das Timbre und die Verletzlichkeit eines Robert Wyatt. Beschwörende Refrains und eine opulente Inszenierung beherrschen die Gefühlslage von „Vision“. Man stelle sich vor, dass Al Green auf Steely Dan trifft. Dann hat man einen Eindruck des verschmitzten Soul-Pops von „Love Is Deep“, bei dem die Solo-Stimme mit dem Background-Gesang verschmilzt.

Matthew E. White präsentiert sich als listig-verspielter Schöngeist, der profane Zutaten zu seinen Kreationen meidet. Sex & Drugs & Rock`n`Roll sind nicht sein Ding, er liebt den klassischen US-Roots-Pop mit großen, überschwänglichen Gefühlen. Und davon gibt es hier reichlich. So wie es aussieht, wird 2015 sein Jahr. Hat der Sänger, Komponist und Bandleader schon mit der Betreuung des Erstlings der edlen Sängerin Natalie Prass ganze Arbeit geleistet, so legt er nun ein wegweisendes, bahnbrechendes eigenes Nachfolgewerk zu „Big Inner“ vor. Das wurde noch reichhaltiger verziert, noch raffinierter komponiert, noch verführerischer und detailverliebter umgesetzt als der Vorgänger. „Fresh Blood“ durchzieht eine erstaunliche Ausgeglichenheit und lässige Abgeklärtheit sowie eine professionelle Übersicht, erwachsene Reife und individuelle Eigentümlichkeit. Einfach hervorragend.

Anspieltipps:

  • Fruit Trees
  • Feeling Good Is Good Enough
  • Tranquility
  • Vision

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